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Kein SEA: Wiener Fallstudien

WohnbausteuerMeine Kollegen gewöhnen sich langsam daran, dass ich bei der Planung von Dienstreisen erst einmal in den Stadtratskalender schaue. Das hilft aber nicht immer, nicht, wenn eine komplette neue Fertigungslinie aufzubauen ist. Statt im Stadtentwicklungsausschuss sitze ich deshalb in einem Industriegebiet in Wien.
Wien ist stolz darauf, die Metropole mit der höchsten Lebensqualität der Welt zu sein – das hat zumindest das Beratungsunternehmen Mercer ermittelt. Und für das Warum hat Wien eine Erklärung: Jede Menge städtischer und sozialer Wohnungsbau. Statt nur auf Subjektförderung (Wohngeld) zu setzen, wird aktiv Objektförderung, nämlich städtischer Wohnungsbau und intensive Sanierung, betrieben. An allen möglichen Häusern oder besser Quartieren steht: „Diese Wohnanlage wurde in den Jahren 19xx bis 19yy von der Stadt Wien errichtet.“ Es ist eine Botschaft – wir tun was, und wir sind verdammt stolz drauf, dass wir das tun.
VIE_HochhausDas Was ist ebenso spannend. Während es in Jena heißt, Hochhäuser seien a) teuer und b) bezüglich des Flächenverbrauchs ineffizient, baut man in Wien auch gern mal in die Höhe. 14 Stockwerke, zehn, zwanzig. Alles dabei, und nein, keine Bürogebäude, sondern offenbar Wohnhäuser. Zumindest sind Wäscheleinen und Schaukelstühle auf den Balkons von Büros eher selten. Die Wiese ringsum scheint man nicht als verschwendete Fläche, sondern als Lebensraum zu verstehen. In der Wohnanlage Am Schöpfwerk finden sich im Erdgeschoss alle möglichen Läden, obwohl die Vorstadt vorstädtischer kaum sein könnte. Es scheint keinen zu stören, dass Textilien und Schreibwaren zentrumsrelevante WAren sind, die natürlich ins Zentrum gehören. In Jena versucht man gerade, eine Liste von Sortimenten aufzustellen, die auf keinen Fall in die Wohngebiete gehören.
AilanthusEtwas Negatives gibt es allerdings auch. Bereits im vorletzten Jahrhundert schleppte man in Wien den Götterbaum ein, um die Seidenproduktion zu befördern. Heute kann man überall beobachten, wie junge Götterbäume in die Grünflächen auswandern oder sich am Rand der Fußwege durch den Asphalt bohren. Man hat sie zu lange sich selbst überlassen, und sie sind besonders widerstandsfähig. Mit dem Klimawandel bekommt der Baum auch in Jena beste Voraussetzungen.
Wien ist ein hervorragendes Studienobjekt in Richtung Stadtentwicklung – und Motivation, in Jena gegen die geplante soziale Entmischung anzutreten. Den Änderungsantrag zum Konzept „Wohnen in Jena 2030“ habe ich gestern noch an die Jenaer Fraktionen geschickt; die Debatte muss ich Frank Cebulla überlassen, der heute allein die Piratenfahne im Ausschuss hochhält.

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