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Sozialausschuss 03.06.2015: Wie Jenas Jugend tickt

Die Tagesordnung hat heute nur einen einzigen Punkt: Vorstellung der Jenaer Kinder- und Jugendstudie. Dazu hat man Sozial-, Kultur- und Jugendhilfeausschuss zusammengetrommelt.
Vor einer Woche standen die Unterlagen noch nicht im Netz. Heute habe ich sie dann doch noch gefunden, hatte aber keine Gelegenheit mehr, sie zu lesen. Natürlich gab es, als man sie einstellte, auch keinen Hinweis. Allerdings ist eine Diskussion ohnehin nicht vorgesehen. Die findet im Jugendhilfeausschuss statt. Wir dürfen das nur zur Kenntnis nehmen.
Aus den Reihen der Piraten gab es im Vorfeld Zweifel am Datenschutz bei dieser Aktion, z. B. weil die Belehrung über die Freiwilligkeit unzureichend war und die Kombination von detaillierten Fragen teilweise Rückschlüsse auf einzelne Schüler zulässt. Eine Anfrage beim Thüringer Datenschutzbeauftragten führte zu einer Rückfrage bei der Stadt – die nicht beantwortet wurde.

Die Studie wird vorgestellt von Frau Morgenstern von ORBIT. Man hat sich dieses Mal mehr Mühe mit der Repräsentativität gegeben. „Nicht dass Sie denken, die anderen Studien waren alle schlecht.“ Hm. Der Rücklauf lag bei 55 %, insgesamt gab es rund 5000 Antworten, davon 109 mit einem Fragebogen in einfacher Sprache.
Manche Erkenntnisse sind trivial: Je besser die finanzielle Situation der Familie, umso zufriedener sind die Kinder mit der Situation und umso positiver schätzen sie die eigenen Chancen ein. Wer mehr Geld hat, unternimmt mehr. Und bereits heute konzentrieren sich die Armen in Lobeda und Winzerla, was die Stadt mit ihrem Wohnungskonzept weiter forcieren möchte.
Ein Drittel der Kinder lebt bei nur einem Elternteil. 15 % haben – was auch immer das ist – einen Migrationshintergrund. 79 % wollen Abitur machen.
Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit werden vor allem von ärmeren Kindern besucht, und zwar, weil Busfahren viel Geld kostet, bevorzugt die vor der Haustür. Wichtig sind auch die öffentlichen Plätze für die Schüler: Holzmarkt, Eichplatz, Paradies sind offenbar die bevorzugten Orte. Wenig hält man sich in der Natur auf, und Jüngere treiben mehr Sport als Ältere. Die Jugendzentren bekommen durchweg gute Noten von ihren Nutzern, besonders das Polaris in Nord scheint alles richtig zu machen. Jeder Jenaer Planungsraum hat ein Zentrum für die Kinder- und Jugendarbeit. Allerdings wirft man Mitte, West und Süd zusammen, damit es aufgeht – den Bedarf da deckt die JG Stadtmitte zumindest statistisch ab. Wenn man deren Programm mit dem des Polaris vergleich, versteht man allerdings, warum die meisten Schüler im Planungsraum meinen, für sie gäbe es keinerlei Angebot.
Noch ein verblüffender Fakt: Durch die Einführung der Ganztagsschulen haben die Schüler weniger Zeit zur freien Verfügung, und das merken sie auch. Viele fühlen sich gestresst und wollen mehr Zeit für sich.
Je besser es den Schülern geht, umso eher engagieren sie sich gesellschaftlich. Ein Drittel ist politisch allerdings völlig desinteressiert, und zwei Drittel ordnen sich weder links noch rechts ein. Die eher Linken (25 %) engagieren sich mehr als alle anderen, und zwar quer durch die Gesellschaft, die eher Rechten (7.5 %) tun das nicht – und das ist eigentlich eine positive Nachricht.
Unter „Familiäre Gewalt“ erfahren wir, dass 50 % schon mal ausgeschimpft wurden. Echt jetzt? Sind die anderen so angepasst, dass sie es nicht zugeben, oder kommt ihnen Schimpfen als Gewalt so absurd vor wie mir?
Ziemlich schräg kommen mir die Fragen zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ vor, denn für mein Gefühl messen sie nur, wie angepasst die Schüler antworten. Eine Psychologin hat mir da recht gegeben. Wenn jemand einen Rollstuhlfahrer in der Nachbarwohnung schlecht findet, kann das sogar daran liegen, dass er im vierten Stock wohnt und es keinen Fahrstuhl gibt. Und ganz ehrlich – wer würde allen Ernstes sagen: „Ich finde es gut, dass in die Nachbarwohnung ein AIDS-Kranker eingezogen ist“? Echt cool, mein Nachbar hat AIDS! Wer denkt sich derartige Fragen aus? Das schlechteste Ansehen genießen allerdings HartzIV-Familien, und zwar bevorzugt da, wo die meisten davon wohnen. Das könnte durchaus so sein, weil man Angst hat, mit denen in einen Topf geworfen zu werden. Die Propaganda mit den faulen Arbeitslosen in der sozialen Hängematte scheint jedenfalls gewirkt zu haben. Schwule und Afrikaner sind als Nachbarn beliebter. Ich glaube, das Problem an diesen Fragen ist, dass man sich absolut nicht für die Gründe interessiert, die hochinteressant sein könnten, sondern nur in gutmenschlichen Alarmismus verfallen möchte.
Es gibt Empfehlungen. Die Mobilität in den innenstadtfernen Gebieten soll gefördert werden. Die Koalition hat allerdings gerade den Zuschuss zur Schülerbeförderung abgeschafft, also das genaue Gegenteil getan. Die Schulsozialarbeiter gewinnen an Bedeutung als Ansprechpartner. Und was kürzt die Koalition? Richtig! Die Mittel für die Schulsozialarbeit. Über die ganzen Ferien soll es in Lobeda und Winzerla Angebote geben, weil sich dort die Kinder häufen, die nicht in den Urlaub fahren. Ach ja – mehr Beteiligung wäre auch gut, denn da sind die jungen Leute weder mit Jena noch mit Deutschland zufrieden.

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