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Thema verfehlt – Die Verwaltungsspitze plant beharrlich an den Bürgerwünschen vorbei

„Ein Rednerpult ist kein Fußballtor“, kritisiert Piraten-Stadträtin Heidrun Jänchen das neueste Produkt aus der Serie der Stadion-Gutachten, in dem geht es gar nicht um das Stadion, sondern ein Kongresszentrum geht. Ursprünglich war die „multifunktionale Infrastruktureinrichtung“ ein Argument, um für die Sanierung des Ernst-Abbe-Sportfeldes einen Millionen-Zuschuss aus der Tourismusförderung zu bekommen. Inzwischen ist sie zum Selbstzweck mutiert. Das Kongresszentrum könnte auch im Volkshaus entstehen. Dass die Bürger eine Schwimmhalle und ein saniertes Stadion auf ihrem Wunschzettel hatten, scheint für einige in der Stadtverwaltung nebensächlich. Schließlich kann man auch bei einem Vortrag ins Schwimmen kommen oder einen Treffer landen.
Drei Machbarkeitsstudien gibt es inzwischen zum Thema. Die erste vom Institut für Sportstättenentwicklung machte es sich einfach, nahm die Veranstaltungszahl von Heidenheim und teilte sie durch zwei – fertig war die Expertise inklusive Gewinnversprechen. Die zweite Studie, von ghh, kostete immerhin 44.000 Euro, enthielt aber ein paar gravierende Rechenfehler, die man korrigierte, indem man kurzerhand die prognostizierte Zahl der Veranstaltungen kräftig erhöhte. Kürzlich hat man noch die mainplus Citymarketing GmbH zu einem Workshop eingeladen.
Da wurde immerhin festgestellt, dass die Annahmen von ghh tatsächlich unrealistisch sind und es keinen Bedarf an zusätzlichen Veranstaltungsstätten für Tagungen bis 100 Teilnehmer gibt. Die waren die tragende Säule für die angebliche Rentabilität. Diese Erkenntnis hätte man billiger haben können, hätte man auf die Kritik der Piraten im Stadtrat gehört. Ein Grund, Schadenersatz für das fehlerhafte Gutachten zu fordern und die Planung eines Konferenzzentrums aufzugeben, scheint das indes nicht. Jetzt sollen Veranstaltungen mit 300 bis 1000 Teilnehmern für die nötige Nachfrage sorgen.
Wenn dabei die Rede auf die Universität kommt, winkt Prof. Clemens Beckstein, der zweite Pirat im Stadtrat, jedesmal ab. Die hat ihre eigenen Kapazitäten, Hörsäle für bis zu 500 Teilnehmer ebenso wie ein repräsentatives Tagungszentrum im Alten Schloss in Dornburg. Auch die Industrie ist mehr als zurückhaltend mit Interessenbekundungen.

Ein Umbau des Volkshauses zum Kongresszentrum würde neue Probenräume für die Philharmonie erforderlich machen. Die Kosten dafür tauchen in der neuen Studie ebensowenig auf wie die für die notwendige Stadionsanierung. Worte wie Flutlicht oder Toiletten sucht man im „Business Case Kongresszentrum am Stadion“ vergeblich. Selbst unter diesen geschönten Umständen bleibt ein Zuschussbedarf von 200.000 Euro jährlich.
Dank „Umwegrentabilität“ soll trotzdem mehr Geld in die Stadtkasse kommen. 50.000 bis 66.000 Euro pro Jahr könnte man vielleicht durch höhere Umsätze bei Gastronomie und Taxiunternehmen und die Lohnsteuern der allgemein schlecht bezahlten Mitarbeiter in Hotels und Restaurants einnehmen. „Bei dieser Rechnung scheint man absichtlich den Zuschuss zum Stadionbetrieb zu vergessen“, meint Beckstein. „Nur die Stadtspitze weiß, wie zwei unrentable Einrichtungen in der Summe für die Stadt Gewinn bringen.“
„Wenn man sieht, wie stark sich die Prognosen der drei Studien unterscheiden, dann ist das alles mehr als spekulativ“, sagt Jänchen. Für sie bleibt das Projekt „multifunktionale Infrastruktureinrichtung“ eine Geldverbrennungsanlage. Der Kernpunkt der Piratenkritik: Alle drei Studien sind keine Bedarfs-, sondern Machbarkeitsstudien. Es geht dabei nicht um die Bedürfnisse der Bürger, sondern darum, ob man sich das Vorzeigeprojekt der städtischen Leuchtturmwärter leisten kann, ohne die Stadt in den Ruin zu stürzen.
„Wenn die Rechnung nicht aufgeht, kann man immer noch bei den Sozialausgaben kürzen“, sagt Jänchen. „Dass die Koalition aus CDU, SPD und Grünen dazu bereit wäre, hat sie im Mai deutlich gezeigt, indem sie die Kürzung der Jugendsozialarbeit um 150.000 Euro beschlossen hat, obwohl es andere Möglichkeiten gegeben hätte.“
Was allen Studien zum Trotz nach wie vor fehlt, ist ein kluges und tragfähiges Konzept für Schwimmhalle und Stadion. Wo das Geld für die Sanierung der Flutlichtmasten geblieben ist, dafür haben die beiden Piraten eine durchaus polemische Vermutung: in einem Stapel von Studien, die nur nötig waren, weil man unbedingt etwas bauen will, das eigentlich niemand haben möchte.

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