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ISEK 06.12.2016: Formulierung statt Inhalt

Ich komme eine halbe Stunde zu spät, weil ich zu lange mit der wirtschaftlichen Grundlage der Stadt beschäftigt war: Arbeit in der Industrie. Macht nichts, denn man ist noch bei der Vorstellung der diversen Ergebnisse, an deren Zustandekommen ich irgendwie beteiligt war. Ich bin der erste Vertreter der Kommunalpolitik. Nach mir kommt noch Jürgen Häkanson-Hall (BfJ), der im Finanzausschuss war. Ich bin auch nur da, weil ich nicht der reguläre Vertreter im Kulturausschuss bin – sonst säße ich dort.
Mehr denn je beschleicht mich in der Debatte das Gefühl, dass irgendwas erheblich falsch läuft. Es geht viel zu wenig darum, was in der Stadt eigentlich passieren soll (etwa ob wir mal ein neues Wohngebiet planen, statt innerstädtisch jeden Freiraum nachzuverdichten), und viel zu sehr um Marketing. Zum x-ten Male wird das Thema „Lichtstadt“ ventiliert. Weder die mangelnde Akzeptanz der Bürger noch die in den Lenkungs-, Politik- und sonstigen Runden geäußerten Bedenken bringen den Stadtentwicklungsdezernenten davon ab, es für eine tolle Marke zu halten. Es ist insofern erfolgreich, als Hohn und Spott der Bevölkerung gewiss sind. Es geht nur darum, die Marke zu stärken, zu vermitteln, zu propagieren, nie darum, sich mal ernsthaft mit den Ursachen der Kritik auseinander zu setzen. Oder endlich mal über Fakten statt Formulierungen zu reden.
Es tauchen meiner Meinung nach völlig überflüssige Vorschläge wie die Einführung eines Willkommensmanagers der Stadt auf. Als hätten wir nicht schon Spezialisten bei Uni, FH und JenaWirtschaft und die Ausländerbeauftragte, Frau Thiele. Vielleicht ist „jeder macht seins“ gar kein Problem, sondern richtig? Weil Studenten keine Greencard-Mitarbeiter und Flüchtlinge keine Touristen sind? Auch das „regionale Nachbarschaftsforum“, das man mit Umlandgemeinden aufbauen möchte, höre ich mir Argwohn. Ich fürchte, da kommt am Ende wieder eine Marketingagentur mit eigener Geschäftsstelle dabei raus, so etwas wie der „Lichtkreis e.V.“.
Jena ist mal wieder Fußgängerstadt. Die Auflistung der Nahverkehrsverbindungen ins Umland ist zwar irgendwie hübsch, hat aber einen entscheidenden Fehler: Kaum jemand wohnt in einem Bahnhof und arbeitet in einem anderen. Wenn die Anschlüsse nicht passen, wird der Weg erheblich länger, und der angebliche Vorsprung gegenüber dem Auto schrumpft oder wird negativ.
Es gibt vage Absichtserklärungen zur Stärkung der Ortsteilzentren. Aber ohne eine konkrete Festlegung ist es äußerst dünn.
Der Manager vom TIP kommt mit der hoch vernünftigen Forderung nach Bandbreite – woran die Stadt wenig tun kann, weil das Sache des Monopolisten Telekom ist.
Vollends albern wird es, als man „der Politik“ vorwirft, nie auf die Kosten der Projekte zu schauen. 50 % der anwesenden Politikvertreter fallen ständig damit auf, nach Kosten zu fragen und Projekte aus Gründen des Haushaltes lieber verschieben oder gleich mülleimern zu wollen (etwa das Konferenzzentrum, das nur eine Minderheit braucht, um sich „Konferenzstadt“ nennen zu können).
Die tollen Schlagworte der Art „Licht.Stadt.Jena“ oder „Stark.Handeln.Jena“ kann ich nicht ohne Würgen sehen, weil sie mich viel zu sehr an „Wir.Dienen.Deutschland“ erinnern. Aber neuerdings fährt ja auch Bundeswehr-Werbung als Straßenbahn getarnt durch Jena. „Rüstung.Krieg.Jena.“ Nein, das schlägt keiner vor.
Am Ende frage ich mich, was ich da eigentlich gemacht habe. Ich kann meine Punkte jedesmal vorbringen – am Konzept ändert sich einfach nichts. Aber immerhin gab es Pfefferkuchen und Schokoladennikoläuse.

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