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ISEK 07.04.2016: Bürgerforum – Rathaus platzt aus allen Nähten

Die Rathausdiele ist krachend voll; die Sitzplätze reichen nicht. Die Leute vom Planungsbüro wirken beeindruckt. Es sind 152 Leute da, 56 % Männer, 43 % Frauen, 1 % was anderes. 24 % sind Jenenser, 26 % vor 1990 zugezogen, stolze 34 % danach. Die Jungen sind in der Minderheit, aber auch beim Alter ist die Runde bunt gemischt. Stadträte sind ein wenig überrepräsentiert. Die Stärken der Stadt machen 43 % in der Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft und 40 % in der hohen Lebensqualität aus. Für 25 % ist Jena vor allem Heimatstadt, für 23 % Universitätsstadt und für spektakuläre 1 % Lichtstadt. Das sorgt für Heiterkeit. Mich erinnert es an die Dienstags-Debatte zu den Beteiligungsleitlinien, wo sich alle Stadträte skeptisch zur inflationären Verwendung des Marketing-Labels äußerten und damit auf kein Verständnis stießen. Die drei größten Herausforderungen sehen die Bürger in Wohnraum (35 %), Verkehr und Mobilität (26 %) und sozialem Zusammenhalt (13 %).
Der Oberbürgermeister hält ein Grußwort, das wieder ein wenig nach Bürgerschelte wegen der abgelehnten Eichplatzplanung klingt. Ich habe die Floskeln, mit denen man die Bürgerinitiative abzuqualifizieren pflegte, oft genug gehört, um sie sofort wiederzuerkennen. Da ist immer noch die Vorliebe für den uninformierten Bürger, dem man vermeintlich alles einreden kann.
Herr Stutz vom Denkmalamt referiert, wie die Zukunft früher aussah. Das ist ganz interessant, dauert aber. Immer mal wieder hat man U-Bahnen und Tunnelstraßen geplant, die nie gebaut wurden. Die meisten großen Planungen stammen aus den 60ern. Damals wollte man in Lobeda die sozialistische Universität der Zukunft aufbauen. Davon ist das Klinikum übrig geblieben. Auch der Bibliotheksneubau der Uni ist da gelandet, wo er hin sollte, nur etwa 30 Jahre später. Und wo eine Einschienenbahn Lobeda und das Zentrum verbinden sollte, fährt heute die Straßenbahn.
Nach anderthalber Stunde dürfen dann endlich die Bürger ran. Sie verteilen sich an Thementische, wo man innerhalb von genau einer Stunde versucht, alle Probleme und Wünsche zu sammeln und sortieren. Ich widerstehe der Versuchung, Stadtstruktur oder Verkehr zu wählen und setze mich an den Grünraumtisch. Die Bürgermeinung ist erstaunlich konstant: mehr Grün, mehr Bäume, weniger Versiegelung, baumgerechte Pflege statt Kahlschnitt. Es ist eine Freude.
Zum Schluss gibt es Zusammenfassungen.

Stadtstruktur

  • Wohnraumangebot für unterschiedliche Zielgruppen
  • Anforderungen an Wohnraum: preiswert, größere Wohnungen für Familien, Wohnen im Grünen unbedingt erhalten
  • eventuell auch am Stadtrand kompakt bauen, was nachhaltig wäre, wenn die Anbindung gut ist.
  • auch außerhalb der Innenstadt soll es fuß/radläufig Begegnungsorte für die Menschen und Versorgung geben

Verkehr

Das ist eine weniger sortierte Auflistung.

  • vernünftiges Verkehrskonzept
  • innere Westtangente
  • Radverkehr fördern
  • ticketloser Nahverkehr, evtl. als Schülerticket erproben, weil Nahverkehr für Schüler unbezahlbar ist.
  • Möglichkeiten für Pendler, bessere Nahverkehrsanbindung aus der Stadt heraus

Bildung/Soziales/Gesundheit

  • Betreuung von Kindern/Jungen in Bildungseinrichtungen innovativer, Pilotcharakter, mehr zulassen
  • Begegnungsräume für verschiedene Bevölkerungsgruppen existieren, könnten in Ortsteilen mehr sein, Bündelung von Angeboten an bestimmten Plätzen, muss bezahlbar sein
  • Standorte für freie Nutzung
  • Bildungsangebote für alle Gruppen
  • Gleichberechtigung für Alte und Junge

Naturräume

  • Naturschutz und Nutzungsraum für Menschen sind vielerorts ein Konflikt – gezielt Räume für Menschen anbieten.
  • Versiegelung ist ein Problem, nichtversiegelte Flächen sollen erhalten werden, Verdichtung eher in die Höhe erfolgen
  • Überhitzung der Stadt als Herausforderung
  • private Begrünung und Bäume fördern und fordern
  • Netz grüner Oasen schaffen, die überall fußläufig erreichbar sind
  • Bäume als wertvolle Infrastruktureinrichtung betrachten
  • Parkplätze begrünen (gut für Klima und Schönheit)
  • nachhaltige Bepflanzung, baumgerechte Pflege, Privatleute über Baum- und Strauchpflege und geeignete Arten aufklären
  • Saale in Abschnitten besser nutzbar machen

Freizeit Kultur Sport

  • Dezentralisierung, derzeit zu viel auf Stadtkern konzentriert
  • Bezahlbarkeit von Sporträumen; wenn man kein Verein ist, findet man keine Räume
  • digitale Übersicht über Räume verfügbar machen, damit man sich informieren kann, was wann frei ist und wieviel es kostet
  • bessere Nutzung der Saale
  • nichtausgrenzende Angebote für alte Geschlechter, Alter, Behinderte und Nichtbehinderte …
  • Kongress- und Tagungstourismus ist sehr wichtig, Übernachtungsangebot ausbauen
  • Bibliothek ausbauen, auch dezentral
  • Schwimmhalle bauen

Wirtschaft und Wissenschaft

  • Fachkräftemangel, aber junge Menschen ohne fertige Ausbildung – Koordinierung nötig
  • Wissenschaftsstandort wie Stanford? An den Besten orientieren – oder auch nicht – eigenes Profil entwickeln und gestalten
  • Lebenshaltungskosten sind ein Problem
  • Verknüpfung in die Region, Verkehrsinfrastruktur ist wichtig

Erstaunlicherweise kommen immer wieder die gleichen Ideen aus verschiedenen Richtungen: nichtkommerzielle Räume für das soziale Leben, nicht nur im Zentrum, sondern auch in den Ortsteilen, gern auch grün. Die Leute wollen gar nichts Spektakuläres, sondern eigentlich nur, dass das Leben funktioniert und irgendwie gemütlich ist. Vielleicht ist das spießig, aber wer sagt, dass es schlecht ist? Bescheidene Leute richten wenig Schaden an. Die Bürger haben viele Wünsche, die in unserem Parteiprogramm stehen.

Schließlich fragt man noch, wer wiederkommen möchte. 81 % wollen das auf jeden Fall, nur 2 % eher nicht.

19:55 Uhr ist Schluss.

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