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24.08.2017: Der Mietspiegel-Basar

Eigentlich ging die Einladung an Clemens Beckstein, mit der dringenden Aufforderung, für eine Vertretung zu sorgen, sollte er selbst verhindert sein. Das ist er. Die Sitzung findet an einem Donnerstag von 11:30 bis 13:30 Uhr. Man fragt sich, ob die Stadtverwaltung tatsächlich glaubt, man könnte von 200 € Aufwandspauschale im Monat leben. Nicht bei den Jenaer Mieten jedenfalls. Also auf Arbeit um Verständnis betteln und Überstunden nehmen.
Außer mir ist nur Christian Gerlitz (SPD) dem dringenden Ruf gefolgt, und der geht nach einer Stunde wieder. Offenbar habe nicht nur ich ein Problem.
Es gibt zwei Themen. Das erste ist die Aufteilung der Wohnungen in Altersklassen. Anscheinend will vor allem jenawohnen, dass die Plattenbauten des industriellen Wohnungsbaus noch einmal aufgeteilt werden, weil irgendwann in den 70ern der Häusertyp wechselte. Es bereitet mir ziemliche Mühe, wenigstens diese Information aus den Beteiligten herauszukriegen. Wo der Unterschied im Wohnwert liegt, mag mir niemand sagen. Mit der Änderung geht die Vergleichbarkeit mit früheren Erhebungen flöten. Dass man die aus statistischen und politischen Gründen brauchen könnte, kann die Frau von jenawohnen nicht nachvollziehen.
Thema zwei: Der Navigationskatalog. Das ist eine Liste von Dingen, die gegenüber dem Durchschnittswert mieterhöhend oder -senkend wirken. Es gibt dafür kleine Plus oder Minus. Es geht zu wie auf dem orientalischen Basar. Ist eine isolierte Kellerdecke ebensoviel wert wie ein isoliertes Dach? (nein, weil Wärme nach oben steigt). Ist die isolierte Kellerdecke der Standard oder die Ausnahme? Ist der Waschmaschinenanschluss in der Wohnung ein Vorteil, oder wollen die Mieter den lieber im Keller? Wie groß muss ein Kellerraum sein, um eine Mietsteigerung zu rechtfertigen? Der Mensch von Analyse & Konzepte, dem Büro, das den Mietspiegel erstellt, wirkt erschreckend konzeptlos. Wieso fragt der Profi die beteiligten Parteien, was Standard ist? Warum lässt er sich auf das Gezerre ein, statt mal einen fundierten Vorschlag zu machen? Warum weiß er nicht, was der Unterschied zwischen Keller und Dachboden ist? Er wirkt, als wäre er nur der Schriftführer oder vielleicht der Praktikant.
Die Frage der (energetischen) Sanierung beschäftigt die Runde länger. Bisher stand da: Seit 1991 keine umfassende Sanierung von Fassade und Dach. Der Mensch von Analyse & Konzepte, dem Büro, das den Mietspiegel erstellt, schlägt vor, statt 1991 einen Zeitraum von 15 Jahren anzunehmen. Einer der Vermietervertreter protestiert, weil er es zurecht unsinnig findet, alle 15 Jahre die Wand- und Dachisolierung rauszureißen und neu zu machen. Von den Energieverbrauchswerten will man sich schnell trennen, weil sie angeblich bei der Vermietung keine Rolle spielen – jedenfalls nicht bei jenawohnen. Dabei sind diese Zahlen für den Mieter tatsächlich relevant, weil sie direkt mit den Heizkosten zusammenhängen. Ein guter Energieverbrauchswert ist ein Vorteil in Euro und Cent, eine schöne Fassade ist tralala. Mit meinem Vorschlag, sich doch lieber auf harte finanzielle Vor- und Nachteile zu konzentrieren, verhallt ungehört.
13:30 Uhr ist die Debatte noch in vollem Gange, aber ab 14:00 Uhr habe ich eine Besprechung mit der ich tatsächlich meinen Lebensunterhalt verdiene. Also mache ich mich auf und überlasse die Runde ihrem Elend. Zurück bleibt der fade Eindruck, dass die Entscheidungen über die Miethöhe von zigtausend Jenaer Bürgern nicht nach irgendwelchen allgemeingültigen Standards und wissenschaftlichen Grundsätzen, sondern nach Bauchgefühl getroffen werden – und die eine Vertreterin des Mieterbundes einen schweren Stand hat.

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