blog Kommunalpolitik Stadtrat Stadtratsarbeit

Einwohnerversammlung Zwätzen 18.05.2017: Massenmenschenhaltung

Zwätzen ist abgesehen von der B88 ein eher schläfriger Ortsteil Jenas. Im Dezernat 3 scheint man allerdings beschlossen zu haben, auf Teufel komm raus ein neues Lobeda zu bauen – nur wesentlich enger und ohne den sozialen Summs, den man zu DDR-Zeiten plante. Nachdem man die Bebauungspläne Am Mönchenberge und Am Oelste ohne Rücksicht auf Verluste und unter Missachtung aller Bürgermeinungen durchgezogen hat, scheint jetzt die Schmerzgrenze erreicht zu sein. Das 12- bis 20stöckige Hochhaus im B-Plan Zwätzen Nord hat deutlich über 100 Bürger in die Rautalschule getrieben – „nur die Spitze des Eisbergs“, sagt ein Bürger dazu.
Das Philosophenviertel besteht bislang aus Einfamilienhäuschen. Für den Traum vom Wohnen im Grünen haben sich die Leute teils über Jahrzehnte verschuldet – im festen Glauben an den 3. B-Plan. Jetzt will man ihnen mit dem 4. B-Plan eine deutlich höhere und kompaktere Bebauung vor die Nase setzen. Das ist die Doktrin von der Verdichtung – und die Sehnsucht des Stadtarchitekten nach einer Skyline wie in New York. Der vage geplante Hochpunkt, sagt Matthias Lerm, habe „eine angenehme Proportion, aber nicht so niedrig, dass sie ihre Wirkung nicht entfaltet.“ Die Bürger können auf die Wirkung offensichtlich und gut hörbar verzichten. Die großzügige Stockwerksfestlegung ist nötig, damit der Investor Drösel seine Wirtschaftlichkeit optimieren kann. Unglaublich, wenn gleichzeitig den Häuslebauern die Neigung ihres Daches auf 5° genau vorgeschrieben wird. Offenbar hat man bis vor kurzem den Käufern von Wohnungen und Grundstücken noch erklärt, das gesamte Gebiet werde mit Einfamilienhäusern bebaut – obwohl man seit 5 Jahren an der Verdichtung herumplante. Nein, man nennt das nicht Betrug. Aber auf die Idee könnte man kommen …
Ein Bürger befürchtet, man möchte „im Empörungsschatten des Turms die komplette Umgestaltung des Gebiets“. Sie sind gut vorbereitet und zeigen in einer eigenen Präsentation die Veränderungen gegenüber dem bisherigen Plan. Immerhin 176 zusätzliche Wohneinheiten entstehen nach ihrer Schätzung – dafür gibt es 13 Pkw-Stellplätze weniger. Lerm verweist auf den Auftrag des Stadtrates zu mehr Verdichtung. Wenn es ernst wird, schiebt die Verwaltung die Politik vor – weil die so blöd war, die Vorlage der Verwaltung kritiklos abzunicken.
Lerm gibt sich viel Mühe im Wettstreit um den Titel des Unsympathen des Abends, etwa mit dem Architektengeschwurbel: „Die Bauleitplanung hat sich die Aufgabe gestellt, eine Begrüßungsgeste in das Gebiet zu schaffen.“ Da wird das Hochhaus in eine Reihe mit Kirchtürmen gestellt, die in den Dörfern allerdings viel kleiner ausfallen. Häuslebauer sind für ihn Egoisten, weil sie allein auf ihren Parzellen wohnen, wo man doch mindestens viermal so viele Leute stapeln könnte. „Massenmenschenhaltung“ nennt das ein Bürger. Autofahrer sind auch Egoisten, denn es sei Luxus, sich sowohl eine Bahn als auch Straßen zu leisten. Gärtner sind gleich recht Egoisten, weil sie allein mit ihren Radieschen im Garten sitzen, wo vielleicht auch drei Menschen wohnen und trotzdem noch einen Hausgarten haben könnten (wobei viele Kleingärtner hochverdichtet in Lobeda wohnen und eben keinen Hausgarten haben). Kinderfreundlichkeit werde gemeinhin überschätzt, weil Häuser nur 20 Jahre für die Kinderaufzucht genutzt werden. Anschließend ziehe man vielleicht weg. „Lebensabschnittsimmobilie“ nennt der Stadtarchitekt das, worein die Anwesenden Blut, Schweiß und Tränen gesteckt haben.
Unangefochtener Unsympath ist allerdings Friedrich-Wilhelm Gebhardt (SPD), der den Bürgern wegen ihres Frustes in Oberlehrermanier die Leviten liest. Er behandelt sie wie ungezogene Kinder, weil sie meinen, nicht jeder Wohnungsbau Jenas müsste ausgerechnet in Zwätzen stattfinden. Nein, Frust kommt ihnen so wenig wie Polemik zu – allenfalls dürfen sie brav Sachargumente äußern, wenn ihre Träume gerade mit Vollgas vor eine Betonwand gefahren werden. Höhnisches Lachen ist ungezogen.
Dabei haben sie eine Menge Argumente: Verkehr und Parkflächen werden ebenso analysiert wie Schattenwürfe und Fallwinde, Hochwasser, Spielplätze, Nahversorgung, Schulnetzplanung … Die Themen sind endlos, und nichts ist gut in Zwätzen, nur die Bahnanbindung, denn die ist laut Lerm sehr viel besser als vor 30 Jahren in der DDR.
Am Ende fragt Ortsteilbürgermeister Kühner die SEA-Vorsitzende Wackernagel (CDU), ob der Stadtentwicklungsausschuss nicht die Rückverweisung der Vorlage in den Ausschuss beantragen könnte. Die sagt, das könnte nur der Stadtrat. Stimmt nicht, sage ich. Das kann auch der OTB, wenn es seinen Ortsteil betrifft. Und Bastian Ebert ergänzt, dass auch 300 Leute einen Einwohnerantrag stellen könnten. Es sieht aus, als würde man beides versuchen. Und demnächst werden in Zwätzen die Kalaschnikows für den Sturm auf das Rathaus ausgegeben.
Einen Schlag versetzt mir einer der Bürger, der nach der Versammlung sinniert, wen man denn wählen sollte. Wir, meint er, wären ja nur zwei und könnten kaum was bewegen. Da könnte er doch nicht uns wählen … Tja, deshalb sind wir nur zwei und können – ach was, wer sagt denn, dass man zu zweit nichts bewegen kann, wenn man zu allem entschlossen ist?

1 Kommentar zu “Einwohnerversammlung Zwätzen 18.05.2017: Massenmenschenhaltung

  1. Jenenserin

    Das beste Argument pro und contra zum Hochhaus möchte ich nachreichen. Dr. Lerm wies auf die Höhepunkte in dem Wohngebiet hin, was nur ergänzt wird. Z.B. der Schornstein der Großbäckerei. Darauf hin sinnierte ein Bürger. Sollte mal der Schornstein abgerissen werden, dann auch das Hochhaus?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.