blog Stadtrat Stadtratsarbeit

SEA extra 03.06.2017: Magische Effekte in Zwätzen

Das Zwätzener Philosophenviertel hat sich den Stadtrat für einen Spaziergang eingeladen. Die Mitstreiter der Lermschutzbrigade sind wiederum perfekt vorbereitet – mit Agenda, ausgedruckten Bebauungsplänen, einem Modell der Planung (etwas, was die Stadt unmöglich leisten kann, weil es viel zu teuer und aufwendig wäre). In den letzten Wochen haben sie akribisch sämtliche Unterlagen zum 4. B-Plan gelesen und Dinge gefunden, die mir entgangen waren – etwa dass bis zu 70 % der Wohnbebauung für Beherbergungsgewerbe genutzt werden kann. (Damit bekommt das absurde Hochhaus einen Sinn – als Hotel wäre es deutlich besser vermietbar!) Die Zwätzener haben sogar einen Kinderwagen dabei.
Berichtet werden wunderbare Dinge. Da wäre das Lindencarré, laut B-Plan zwei Zweigeschosser mit Walmdach. Es hat zwei virtuelle Stockwerke, die es gar nicht geben kann – und ein Flachdach. Auch der Zwischenraum zwischen den beiden Häusern scheint sich wunderbarerweise mit Haus gefüllt zu haben. Vermietet werden die Wohnungen zu 12 €/m². Die Vermarktung läuft seit 2015, und fünf Wohnungen stehen immer noch leer. Soviel zum Bedarf an teuren Stadtvillen.
Die Höhe des Bodens passt sich offenbar auch den Wünschen des Investors Drösel an. Teilweise liegen die Straßen schon mehr als einen Meter tiefer als das angebliche Bodenniveau. Da ein Kellergeschoss bis zu 1,40 m über das Bodenniveau herausragen darf, hat man damit praktisch ein zusätzliches Geschoss ermöglicht.
Die Aufschüttungen haben noch einen anderen schönen Nebeneffekt. Sämtlicher Müll aus den bisher bebauten Baufeldern landet auf den unbebauten. Irgendwie läuft das unter „Sanierung“. Wird das nächste Baufeld verkauft, steht der Käufer vor dem Problem, den aufgeschütteten Boden samt Müll loszuwerden. Drösel übernimmt das – und kippt den Mist auf das nächste Baufeld. So kann man sich für die Entsorgung ein und derselben kontaminierten Erde mehrfach bezahlen lassen.
Die Häuslebauer durften keine Flachdächer, sondern nur Spitzdächer bauen. Überall sonst in der Stadt wird man zu Flachdächern genötigt. Die letzte Reihe vor dem geplanten Wohngebiet Am Oelste durfte nur eingeschossig werden. Jetzt plant man in 11 m Entfernung einen Fünfgeschosser und findet das städtebaulich toll.
Wo sich ehedem eine Naturschutzfläche befand, türmen sich heute Bauschutthaufen. Die Bäume sind verschwunden – ebenso wie Linden am anderen Ende des Bebauungsgebietes. Der Naturschutz scheint wunderbarerweise verschwunden. Die Bürger versuchen herauszufinden, wer das beschlossen hat.
Im Gegensatz zu Drösels Altenheim und dem Lindencarré darf die Kita auf gar keinen Fall aufstocken, obwohl sie so voll ist, dass größere kleine Kinder in Löbstedt untergebracht sind. Die Festlegungen des Bebauungsplanes scheinen merkwürdig dehnbar, aber nur in eine Richtung.
Elisabeth Wackernagel (CDU) hatte eine neue Vorlage der Koalition dabei, die sie verlesen ließ. Da ist zwar von Rücknahme des 4. Bebauungsplanes die Rede, aber auch davon, dass unter Beachtung der städtebaulichen Notwendigkeiten und mit dem Ziel der Verdichtung bis zum 4. Quartal ein 5. B-Plan zu erarbeiten ist. Je länger wir herumlaufen, umso mehr fühlt sich das wie eine Mogelpackung an. Ein halbes Jahr inklusive Sommerpause reicht nie im Leben für eine sinnvolle Bürgerbeteiligung und Neuplanung. Ein neues Gutachten zur Bodenkontamination wäre zweifellos auch sinnvoll. Die Verdichtungsforderung stieß sofort auf Gegenwehr, und das mit den Erfordernissen kann alles und nichts heißen. Die Gefahr besteht, dass man das Hochhaus streicht und den Rest einfach so lässt.
Klar ist am Ende auch, dass der B-Plan „Am Oelste“ Teil des Problems ist, mindestens was den Verkehr betrifft. Auch der müsste also aufgehoben werden. Die Bürger blasen die Kundgebung vorm Rathaus jedenfalls noch nicht ab. Zu vieles ist ungeklärt.

1 Kommentar zu “SEA extra 03.06.2017: Magische Effekte in Zwätzen

  1. Ulf Weißleder

    Sehr geehrte Frau Dr. Jänchen, Sie haben das alles sehr gut formuliert, was wir am Samstag alles hören und sehen durften. Es ist unglaublich was den Bürgern zugemutet und gegen wieviel Gesetze und Verordnungen verstoßen wird. Und die zuständigen Dezernate schauen scheinbar einfach weg oder tragen das mit. Ich war am Samstag entsetzt. Wenn Sie sich nun noch einen Ruck geben würden und für die Straßenbahn ins Himmelreich kämpfen würden, dann wäre das eine tolle Sache. Mit freundlichen Grüßen Ulf Weißleder

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.