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Werkausschuss KSJ 14.06.2017: Besuch im Lampenladen

Weil ich sonst nichts zu tun hätte, darf ich diesmal auch im Werkausschuss des Kommunalservice dabei sein. Dort will man unsere Vorlage „Schutz der Nacht“ beraten.
Aber als ich eine halbe Stunde nach Beginn ankomme, ist man noch mit der Brücke zu Lobeda befasst. Die wird im Werkausschuss ganz anders diskutiert als im SEA, nämlich rein finanziell. Es schließen sich zwei Vergaben an, die man zurückstellen musste, weil auch dieser Ausschuss nicht beschlussfähig war. Immerhin gibt es Brötchen und reichlich Wasser.
Gegen halb 9 darf ich dann ran, und nach meinem liebevoll ausgearbeiteten Vortrag kriege ich prompt zu hören, dass ich 35 Minuten gebraucht habe. Ist ja auch nicht ganz leicht, das ungewohnte Thema Lichtverschmutzung unter die Leute zu bringen.
Wie man an Jörg Vogel (SPD) merkt, der zu Hause einen fensterlosen Korridor hat und deshalb bezweifelt, dass es unnötige Beleuchtung überhaupt gibt. Er will außerdem beleuchtete Schaufenster, wenn er nachts durch die Stadt geht. Deshalb versteigt er sich zu der Behauptung, die Vorlage enthalte „falsche Aussagen“ und sei deshalb nicht zustimmungsfähig. Außerdem gäbe es Jalousien.
Eckhard Birckner (BfJ) und Bastian Stein (Grüne) bedanken sich für die Vorlage, wobei ich mir nicht sicher bin, wie ernst die Grünen das meinen. Wenn es wie bei den invasiven Arten läuft, beschließen sie am Ende freudig irgendeinen Unterpunkt, der nichts bringt und keinem wehtut.
Danach endlich darf mein fachlicher Unterstützer Gunnar Brehm als Vertreter des Naturschutzbeirates ran. Der Schmetterlingsforscher weiß, dass es in Jena rund 700 Schmetterlingsarten gibt, plus 300 Kleinschmetterlinge. In Deutschland ist die Insekten-Biomasse seit 1990 um 80 % zurückgegangen – mit dramatischen Folgen für die Vögel und Fledermäuse. Das liegt nicht nur an Lampen, aber sie tragen zum Problem bei, da die weit überwiegende Zahl der Schmetterlinge Nachtfalter sind. Er führt einen ganzen Stapel wissenschaftlicher Veröffentlichungen zum Thema an, was zeigt, dass wir von einem rein gefühlsmäßigen Problem weit entfernt sind. Brehm wünscht sich, dass wir Biodiversität bei der Lichtplanung berücksichtigen.
Herr Helbig, der Lampenverantwortliche von KSJ, redet erst einmal weiträumig um das Thema herum. Die Dörfer ringsum hätten ganz andere Probleme; die wären froh, wenn sie ihre Lampen wieder anschalten könnten. Was wir täten, sei „Jammern auf hohem Niveau“. [Ja, zu hoch, denn wir meinen, die Nacht sei zu hell]. Außerdem referiert er die Geschichte der Straßenlaterne seit den 50er Jahren, wozu er ein Dutzend Lampen als Anschauungsobjekte mitgebracht hat. Darum hat keiner gebeten, aber es wirkt so schön kompetent. Auch mit Quecksilberdampflampen, erklärt er, seien die Leute zufrieden gewesen, weil es nichts anderes gab [beim Zähnereißen galt früher auch Schnaps als erstklassiges Betäubungsmittel]. Im Paradies, meint er, habe es noch nie Natriumdampflampen gegeben [blöd, dass ich mich noch deutlich daran erinnere, wie die eingeführt wurden – woraufhin er korrigiert zu: „nur wenige Jahre“.] Dafür schiebt er nach, dass die Na-Lampen eigentlich verboten wären und man die nirgends im Baumarkt bekäme. Zugelassen seien sie nur noch in der Straßenbeleuchtung, und auch da könnten sie in 10 Jahren verboten werden [was mich nicht wundern würde. Die Lampenlobby hat ja zugunsten ihrer teuren und umweltschädlichen Energiesparlampen auch ein Verbot der Glühbirne durchgesetzt.] Na-Dampf-Lampen lassen sich angeblich nicht dimmen, obwohl Helbig gleich zwei Varianten dafür angibt – eine Phase abschalten oder über die Frequenz dimmen. Beides sei … kompliziert.
Dabei bleibt es im Wesenlichen: Jeder unserer Vorschläge ist viel zu kompliziert, würde Aufwand machen und nichts bringen. Die von uns beantragte Wirschaftlichkeitsuntersuchung erschöpft sich mit einem simplen Dreisatz, wo dann auch fast nichts rauskommt, weil nichts rauskommen soll.
Am besten finde ich die Aussage, man würde natürlich überall nur so stark beleuchten wie nötig [in Lichtenhain ist das nach meinen Messungen irgendwas zwischen 14 und 75 lx, also genau auf den Punkt]. Andererseits würde es viel zu viel Aufwand machen, für alle 900 Jenaer Straßen die Beleuchtungsgruppe festzulegen. Das könnte, sagt Helbig, jeder selbst machen. Die Norm sei allgemein verfügbar. [Normen kosten in der Regel nicht unter 100 €]. Mit anderen Worten: Man hat überhaupt keinen Plan, wo man wie viel beleuchten müsste, behauptet aber, es sei genau richtig.
Schließlich erfahren wir in der Debatte noch, dass dass die nagelneuen Jenaer LED-Lampen nicht dimmbar seien. [Das verschlägt mir dann wirklich die Sprache. Ich muss nachfragen, ob ich das richitig gehört habe.] Es ist aber noch 6 Jahre Garantie drauf, weswegen man gar nicht daran denkt, sie gegen irgendwas auszutauschen.
Natürlich wird an diesem Abend nichts mehr entschieden. Hätte uns auch gewundert. Stattdessen wird uns eine Extrarunde mit Herrn Helbig verordnet, der meint, alle unsere Vorschläge wären sowieso nur lästig – und das Problem des Naturschutzes offenbar gar nicht wahrnimmt. Das kann heiter werden.
22:27 Uhr ist die Sitzung zu Ende. Draußen ist klarer Himmel. Man sieht etwa ein Dutzend Sterne. Das, behauptet ein KSJ-Mitarbeiter im Vorbeigehen, liege gewiss nicht an der taghellen Beleuchtung, sondern am Dunst. Aber der Himmel ist schwarz. Dunst war früher mal orange und ist jetzt hellgrau.
Gute Nacht.

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