blog Stadtrat Stadtratsarbeit

Sozialausschuss 30.10.2018: Was Familien brauchen

1. Tagesordnung

einstimmig

2. Protokoll

wird verschoben, weil es ein wenig durcheinander ging und nicht jeder alles hatte.
Außerdem wird hier angesagt, dass der SozA am 28.11. das nächste Mal tagt, weil am 27.11. der Stadtrat eine Überlaufsitzung hat. Letzte Woche war ich noch froh, einen politikfreien Tag für eine Dienstreise gefunden zu haben.

3. Fachspezifischer integrierter Plan im Rahmen des Landesprogramms „Solidarisches Zusammenleben der Generationen/ Familie eins99“

Vorlage: 18/2048-BV
Das Landesprogramm ist die eierlegende Wollmilchsau für die Förderung von allem, was irgendwie mit Alten, Jungen oder Familien zu tun hat. Frau Wolf vom FD Soziales erklärt, das Land verlange, dass für die Antragstellung die Bedarfe von Familien erfasst werden. Man hat deshalb 10.000 zufällig, aber repräsentativ ausgewählte Haushalte angeschrieben und befragt. Das hat mal wieder Orbit gemacht.
Frau Morgenstern referiert die Ergebnisse. Der Rücklauf aus den Haushalten lag knapp über 25 %, was ein recht guter Wert ist (Das weiß man von Bürgerhaushalten, wo Jena ein guter Rücklauf im Vergleich mit anderen Städten bestätigt wurde). Warum nur 25 % der Akteure (Kitas, Schulen, Vereine …) geantwortet haben, weiß man nicht. Die hat man auch anonym befragt, was wahrscheinlich ungeschickt war, weil man nicht weiß, wer sich da eigentlich gemeldet hat – oder auch nicht. Für Institutionen ist es ein verblüffend niedriger Rücklauf. Die lassen normalerweise keine Gelegenheit für Lobbyarbeit aus. Das Ergebnis ist ziemlich umfänglich. Wer alles wissen will, möge nachlesen. Ich habe nur ein paar auffällige Befunde notiert.
38 % der Befragten meinen, dass sie Dinge, die sie selbst betreffen, in der Stadt nicht ausreichend mitbestimmen können. Martina Flämmich-Winckler kritisiert die Bürgermeinung und weist darauf hin, dass jeder bei Wahlen mitbestimmen könnte, aber nur die Hälfte überhaupt hingingen. Da mische ich mich ein und berichte über den üblichen erschütterten Bürgerausspruch: „Aber ich hab die doch gewählt, da müssen die doch meine Interessen vertreten …!“ Erwartung und Realität gehen offenbar weit auseinander.
36,6 % der Arbeitgeber nehmen auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf keine Rücksicht, 45 % ermöglichen keine flexible Arbeitszeit. Die positive Nachricht dabei ist, dass die Mehrheit offenbar begriffen hat, dass Jammern über den Fachkräftemangel allein keine Lösung ist.
Was sich Familien für mehr Famiienfreundlichkeit wünschen: bezahlbaren Wohnraum, kostenlosen Nahverkehr, mehr Rad- und Gehwege, mehr Sport- und Spielplätze und geringere oder gar keine Kita-Gebühren. Es geht also vor allem ums Geld. In Sachen Mobilität sagen 40,3 %, es gäbe nicht ausreichend sichere Radwege. Beim Nahverkehr ist man dagegen ziemlich zufrieden (außer, vermute ich, wenn man in den außenliegenden Ortschaften wohnt). Erstaunlicherweise ist immer noch eine große Zahl der Familien (43 %) der Meinung, Schulwege seien gefährlich, ob es nun Unfälle gibt oder nicht.
Beratungsangebote sind umso bekannter, je größer ihre Zielgruppe ist. Die Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatung kennen die meisten (59 %), die AIDS-Beratung gerade mal ein Drittel der Bevölkerung.Für die sehr kleine Zielgruppe damit ist sie damit aber recht bekannt.
Die Akteure meinen, es bestehe immer mehr Beratungs- und Unterstützungsbedarf. Sie meinen aber, die Angebote seien bekannt. Das widerspricht den Antworten aus den Familien. Es fehlen Angebote für Menschen mit traumatischen Erlebnissen, Behinderung und Verschuldung. Die Akteure meinen zu 58 %, immer weniger Familien könnten sich ein Leben in der Stadt leisten.
Rayk Seela (CDU) fragt nach, was das Frauenzentrum speziell für Zusammenleben der Generationen tue, weil das als Institution mit Bestandsschutz für die nächsten Jahre aufgelistet ist. Fr. Wolf erklärt, dass Frauenzentren nur noch über das Landesprogramm gefördert werden. Man will sie zunächst so weiter fördern. Die Frau vom Towanda sagt, auch eine einzelne Frau könnte eine Familie sein. Sie erweitert das dann immerhin auf Alleinerziehende, bei denen das zweifellos so ist.
Ich lege nach und frage nach Bildungsangebote für Jungen, die zwar nach Ansicht der Familien fehlen, aber anscheinend nicht förderfähig sind. Die Angebote der Jugendarbeit scheinen bisher mehr Mädchen anzusprechen, und wir haben in der Jungenbildung statistisch belastbare Schwachstellen. Frau Wolf sagt, sie hätten für das Konzept Zeitdruck gehabt, denn das Land habe 3 Wochen vor Abgeabetermin noch inhaltliche Vorgaben gemacht. Die Jungsbildung will man in die Regelangebote packen. Damit könnte ich leben. Eventuell könne die Stadt noch mehr Geld abrufen, wenn nicht genügend andere Anträge vorliegen. Wir hoffen also, dass andere Kommunen nicht zu Potte gekommen sind. Für Familienzentren gäbe es ab sofort kein anderes Geld mehr vom Land; das läuft alles über die Stadt.
Was das wichtigste bei der Sache ist: Die Stadt wird für den sozialen Bereich runde 100.000 € jährlich mehr bekommen. Im Dezernat 4 hat man hart gearbeitet, um dafür Begründungen zu finden. Und deshalb wird die Vorlage einstimmig angenommen.

4. Vorstellung des Vereins Queerweg e.V.

Auch ich habe den naheliegenden Fehler gemacht, den Verein mit dem Querwege e.V. zu verwechseln. Aber nein, es ist ein anderer, und man unterscheidet sich in mehr als einem e.
Der Vorstandsvorsitzende berichtet. Der Verein wurde 2008 in Jena gegründet und kümmert sich um Menschen mit irgendwie abweichender sexueller Orientierung. Der Mann schafft es, das ungriffige Kürzel LSBTIQ so selbstverständlich zu verwenden, als wäre es tatsächlich ein Wort. Das steht für lesbisch, schwul, bi-, trans- und intersexuell und queer. Auch wenn ich verstehe, dass man als ausgegrenzte Gruppe niemanden ausgrenzen möchte – „anders“ wäre für die meisten Menschen vermutlich einfacher. Man betreibt Schüleraufklärung, war an der Organisation des IDAHOBIT und diverser anderer Veranstatlungen beteiligt und arbeitet im AK Sexualpädagogik mit. Das alles läuft ehrenamtlich.
Es gäbe zu wenige Beratungsangebote. Sie hätten eine Rücklaufquote von 120 % bei einer Befragung in Thüringen gehabt (Das erklärt er leider nicht. Offenbar haben mehr geantwortet, als gefragt waren). Die Hälfte der Gleichstellungsbeautragten in Thüringen habe angegeben, keine Beratungsangebote für andersgeschlechtliche Menschen zu kennen. Und die sollten es nun wirklich wissen – es gehört schließlich zu ihren Aufgaben. In Jena gibt es eine Selbsthilfegruppe, aber dann sei Schluss. Für Schulen gibt es den Regenbogenkoffer (Methodenkoffer) für Akzeptanzförderung.
Es gibt eine Jugendgruppe, aber ohne festen Ort. Man arbeite mit Jugendclubs zusammen, doch es brauche auch eine Betreuung. Es solle auch einen Anlaufpunkt für ältere Menschen (alles jenseits von Jugendlichen, nicht nur Senioren) geben. Es gäbe mehr Schulanfragen, als man bearbeiten könne. Sie machen ein Ergänzungsangebot zur Sexualpädagogik von JuMäX. Eine aktuelle Anfrage aus einer Schule gibt es als Beispiel: Wie gehe man mit einem Mädchen um, dass festgestellt hat, dass es eigentlich ein Junge sei? Wie schaffe man dafür Akzeptanz in der Klasse? Künftig hätte der Verein gern eine feste Unterkunft, die man sich auch gern mit Kooperationspartnern teilen würde. Dafür wird man eine Förderung von der Stadt beantragen.
Ich frage nach, in welchem Sektor das verortet wird und erfahre, dass es ins Ressort Gleichstellung gehört. Das wird spannend.
Norbert Comuth (CDU) will wissen, welcher Prozentsatz der Bevölkerung betroffen sei. Man gehe von 5 bis 10 % aus – das wären ungefähr 6.000 in Jena (Kinder unter 12 können wir vernachlässigen). Es gäbe aber auch cis-Menschen (also normgerecht heterosexuelle), die Probleme mit den Rollenbildern für Jungen und Mädchen hätten, und da komme man über 10 %. (Und das kann ich wirklich nachvollziehen. Eine junge Frau, die als Studienwunsch Physik angibt, kracht frontal gegen das Rollenbild der Umwelt, egal wie heterosexuell sie sonst vielleicht ist.)
Da es insgesamt einer der „wir ackern für andere“-Vereine ist, finde ich den Wunsch nach ein wenig städtischer Unterstützung nicht unangemessen, aber die Beschlussfassung zur Vereinsförderung kommt erst Ende des Monats.

5. Förderung des Nachwuchsleistungssports – Festlegung der Schwerpunktsportarten

Es geht um die Verteilung der 40.000 €, die im Haushalt für Leistungssport eingestellt sind. Die müssen irgendwie auf die Vereine aufgeteilt werden. Dafür gibt es eine Bewertungsmatrix mit A- bis D-Kadern, Wettkampferfolgen und Infrastruktur. So recht scheint keiner eine Meinung zu dem Thema zu haben, und deshalb wird die Beschlussfassung in die nächste Sitzung verschoben.

6. Sonstiges

Wir erfahren, die Stelle der Gleichstellungsbeauftragten sei ausgeschrieben. Bis dahin wurde der Vertrag mit Fr. Barthlau verlängert.
Marcel Helwig (Sachkundiger LInker) schlägt vor, den Verein für gewaltbetroffene Männer einzuladen.

20:49 Uhr ist die Tagesordnung abgearbeitet.

2 Kommentare zu “Sozialausschuss 30.10.2018: Was Familien brauchen

  1. „Man gehe von 5 bis 10 % aus“

    Man darf nicht nur die Jenaer Bevölkerung dabei betrachten, sondern muss auch das Umland mit einbeziehen. Da es prozentual nunmal eine Minderheit ist, wird dir Gruppenbildung in ländlichen Regionen stark verhindert. Daher nutzen auch viele Betroffene aus dem Umland die Angebote der Großstadt. Außerdem muss man auch die indirekt betroffenen mit einbeziehen. So suchen Eltern, Erzieher, Lehrer oder Trainer von Betroffenen Rat und Unterstützung.

    • Danke für den Hinweis. Wobei ich eine Zahl von 6000 Betroffenen in Jena auch nicht so klein finde, eher im Gegenteil. In jedem Jahrgang wären das so zwischen 50 und 100 Jugendliche, die vor dem Problem stehen, wie sie mit den Erwartungen ihrer Umwelt klarkommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.