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Wahlkampf 03.04.2018: Fernsehen und Weltrettung

JenaTV lädt die Kandidaten einzeln vor. Nichts Weißes, Grünes oder Gestreiftes darf angezogen werden. Warum, erschließt sich beim Anblick des Studios: Der Hintergrund ist wunderbar moosgrün, aber auf dem Monitor sieht man das Logo der OB-Wahl. Die Übertragung ist live, und man sorgt sich, ich könnte Angst vor der Kamera haben. Dabei beißen Kameras gar nicht, das weiß ich aus Erfahrung.
Die Fragen sind auch nicht schlimm, nur die zeitliche Begrenzung. Wie sieht der Verkehr der Zukunft aus? Beantworte das mal in einem Satz! Interessanterweise stammen viele der Fragen von Schülern der Stoy-Schule, und ich werde auch gleich gefragt, was ich von Wahlrecht ab 16 halte. Ich finde das in Ordnung. Mir kommen die jungen Leute nicht desinteressierter vor als die alten, deren Wahlrecht niemand anzweifelt. Im Gegenteil. Sie machen sich viel mehr Gedanken um die Zukunft, von der sie ja noch viel erleben werden.
Man will von mir wissen, wie ich meine Chancen einschätze. Da bin ich vorsichtig. Auch bei der Eichplatz-Abstimmung habe ich erst nach dem dritten Tag der Auszählung wirklich geglaubt, dass wir gewonnen hatten. Deshalb sage ich: Kämpfen bis zum letzten Meter, und der Fernseh-Frau gefällt das.
Das Ergebnis gibt es hier: http://www.jenatv.de/mediathek/44795/Sie_haben_die_Wahl_Dr_Heidrun_Jaenchen_Piraten.html

Vom Studio haste ich weiter. Das Klima-Netzwerk hat ins Haus auf der Mauer geladen. Die Kandidaten dürfen Ideen vorbringen, wie man das Weltklima von Jena aus rettet. Ich versuche den Rundumschlag und rede über das, was die anderen komplett ausblenden: Drei Viertel der Jenaer Energie werden von Sondervertragskunden verbraucht, also von Großverbrauchern aus der Wirtschaft. Zu den Tarifkunden gehören auch Handwerker und kleine Unternehmen. Mit anderen Worten: Wir können noch die letzten Glühbirne im Keller beschlagnahmen, aber die Entscheidung fällt ganz woanders. Wir müssten mit der Industrie reden. Lokale Energieerzeugung ist eine gute Idee, schon weil dadurch die immensen Leitungsverluste wegfallen. Wenn Strom aus der Nordsee nach Thüringen geliefert wird, dann gibt es einen etwa 500 km langen Widerstand, der Strom in Wärme wandelt – völlig sinnlos. Klimaangepasstes Bauen besteht nicht nur aus begrünten Flachdächern (obwohl man die als Klimaanlage nutzen kann), sondern auch aus dem Verzicht auf Büro-Gewächshäuser mit Glasfassaden, die im Sommer aufwendig gekühlt werden müssen.
Kombikraftwerke aus Solar-, Wind- und Biogasstrom können durchaus funktionieren, wenn es gelingt, überschüssigen Strom zu speichern, zum Beispiel in Form von Wasserstoff, den man billiger und einfacher lagern kann als Elektrizität in Akkumulatoren. Ach ja, das Beleuchtungskonzept wäre da auch noch. Mit sinnvollen Lampen und Dimmung kann man prima Strom sparen und gleichzeitig den Nachtschlaf und die belebte Natur schützen. Außerdem meine ich, dass der Radverkehr in der Stadt gefördert werden sollte, weil er die einzige Variante ist, die mit dem Auto mithalten kann – und dank e-Bike auch für Nichtsportler eine Option wird. Man stoppt meinen Redefluss mit Verweis auf den Wecker, der über Redezeiten wacht.
Später darf ich noch eine weitere der Fragen beantworten, habe aber das Bedürfnis, zuvor noch eine andere Sache loszuwerden. Das gesamte Wirtschaftssystem ist darauf ausgerichtet, möglichst viel zu produzieren, damit man möglichst viel verkaufen kann. Die meiste Energie verbrauchen wir nicht als Strom, sondern in Form von Produkten. Längere Lebensdauern und Reparierbarkeit wären eine gute Idee – die Gesetzesinitiative zu diesem Thema ist aber im Bundestag gescheitert. Gut, das ist keine Kommunalpolitik, aber auch in der Verwaltung kann man, hoffe ich, Dinge länger nutzen.
Für die Wärmeerzeugung muss man einfach alle verfügbaren Quellen nutzen: Solarenergie, Erdwärme, Wärmepumpen, Abwärme der Energieerzeugung … Es wäre eine gute Idee, in neuen Baugebieten die Bauherren zu beraten und nach Möglichkeit Erdwärmeanlagen zentral zu bauen, um die Kosten für die einzelnen zu reduzieren. Wir brauchen Wärmespeicher, damit Kraftwerke vorrangig nach Strombedarf gesteuert werden können, statt nur Wärme zu erzeugen. Damit, erfahre ich, wird sich die Bürgerenergie demnächst beschäftigen. Überhaupt habe ich das Gefühl, der Stichwortgeber für alle möglichen Veranstaltungswerbungen zum Energiethema zu sein. Das macht Spaß.
Eigentlich hatte ich vor dem grünen Paradethema ein bisschen Angst, aber am Ende habe ich das Gefühl, weit mehr technischen Inhalt geliefert zu haben als der Rest der Runde. Vielleicht könnte man ja auch die heiße Luft irgendwie nutzen, die in Wahlkampfzeiten reichlich abgesondert wird …

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