blog Kommunalpolitik Stadtrat

Wahlkampf 13.03.2018: Mobile Senioren und Graffitimaulwürfe

Der Seniorenbeirat hat eingeladen – 14:00 Uhr. Drei der Kandidaten haben zu dieser frühen Stunde offenbar keine Zeit. Die Senioren aber auch nicht – der Plenarsaal ist kaum halb voll.
Es soll um die besonderen Bedürfnisse der Senioren gehen, zum Beispiel im Verkehr. Ich frage erst einmal nach, wie die Leute ins Rathaus gekommen sind – mehr oder minder zu gleichen Teilen zu Fuß, mit Bus, Auto oder Fahrrad. Die Vermutung, man müsste ihnen nur barrierefreie Fußwege bauen, kann man also getrost stecken lassen. Sie bewegen sich wie andere Leute auch. Also erzähle ich ihnen, dass ich die verschiedenen Verkehre gern trennen würde, damit jeder in seiner Geschwindigkeit voran kommt, ohne die anderen zu gefährden.
Das Thema Wohnen ist interessanter. Derzeit gibt es für jede Zielgruppe ein Bauprojekt. An einem Ende baut man Seniorenresidenzen, am anderen große Wohnungen für Familien – Monokulturen. Dabei wäre es sozial viel besser, wenn man die Leute durcheinander wohnen ließe. Dafür gibt es anderswo Projekte, die hervorragend funktionieren. Es wäre eine gute Idee, in den Erdgeschossen jeweils barrierearme Wohnungen zu bauen. Außerdem – das haben wir im Stadtrat tatsächlich schon beantragt – sollten die Mieten nicht steigen, wenn man im Bestand in eine kleinere Wohnung umzieht.
Daneben wäre es eine gute Idee, für öffentliche Freiräume mit Bänken zum Sitzen und auch für überdachte Räume zu sorgen, wo Leute zusammenkommen und Dinge tun können. Nahversorgung wäre auch keine schlechte Idee. Dafür fühlt sich die Stadt regelmäßig nicht zuständig.
Sport ist ein besonders schönes Thema. Der eine Kandidat meint, wir könnten den Unterhalt der Schwimmhalle nicht finanzieren, und der andere, es fehle bei den Parteien an politischem Willen. So ist es nicht, denn der Sozialausschuss hat ja schon einmal einstimmig beschlossen, dass 2018 die Planung für die Schwimmhalle beginnen sollte. Nur hat der amtierende Oberbürgermeister das Ganze mit einem Trick auf irgendwann in den nächsten Jahren verschoben. Was die Finanzierung betrifft, verspreche ich den Leuten, dass ich jedenfalls keinen Euro zusätzlich für das Stadion ausgeben würde, sollte ich OB werden. Ich finde, man sollte in Möglichkeiten zum Selbst-Sport-Treiben investieren und weniger ins Zuschauen.
Zur Kultur kann/muss ich feststellen, dass sich Kultur für Senioren und Kultur für andere Menschen nicht sonderlich unterscheidet. Erst wenn die Leute wirklich alt sind und kaum noch mobil, muss man aktiv auf sie zugehen, z. B. indem man Kultur oder Sport in die Wohngebietszentren schickt, statt sie in den zwei Mehrgenerationenhäusern der Stadt stationär anzubieten.
An dieser Stelle verabschiede ich mich von den Senioren, um mich der Jugend zuzuwenden. Die Termine überschneiden sich.

Im Jugendzentrum „Treffpunkt“ treffe ich Martina Flämmich-Winckler wieder, die in ihrer Eigenschaft als Schulsozialarbeiterin da ist. Damit bin ich die einzige von 47 eingeladenen Stadträten, die sich der Lobedaer Jugend stellt. Der Treffpunkt veranstaltet ein Barcamp, um über allgemein interessierende Themen zu reden.
Es geht chaotisch zu. Ein gutes Drittel der Jugendlichen sind Syrer. Die Jungs sprechen nur holprig Deutsch. Ammar, BuFdi im Treffpunkt, übersetzt. Ein Teil der Jungs und Mädels kaspert herum. Was die Jugendlichen wollen, scheinen sie selbst nicht so richtig zu wissen. Eine Disko vielleicht. Vor allem aber sind sie angefressen, weil sie ständig ohne Grund von der Polizei kontrolliert werden – auf Drogen, Alkohol, Zigaretten, Messer. Bei den Drogen scheint es vor allem um Haschisch zu gehen. Das muss man nicht gut finden, aber man muss auch nicht jeden wie einen Kriminellen behandeln, nur weil er oder sie jung ist. Die Jugendlichen reagieren bockig und mit Provokation. Die Polizei, erfahren wir noch, ist keine Jenaer Polizei, sondern aus Erfurt.
Die syrischen Jungs übrigens finden die marodierende Jugendgang, die in den letzten Wochen so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, gar nicht gut. Sie wollen, sagen sie, einfach keinen Stress: nicht mit der Polizei und nicht mit der Bevölkerung. Ammar scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen. Die Jungs respektieren ihn. (Ich habe im Sozialausschuss einmal gefragt, ob arabischsprachige Sozialarbeiter nicht eine gute Idee wären. Hier sitzt die Antwort: Definitiv.) Ammar will mehr Bildung für seine Landsleute. Nicht nur Sprache, auch über Deutschland. Deutschland sei für sie nur Autos und Bier. Mit Demokratie wüssten sie nichts anzufangen. Und Gesetze … Mir dämmert, dass die Jungs so etwas wie normale Zustände nicht kennen. Sie kommen mitten aus dem Bürgerkrieg.
Später kommen wir auf Graffiti. Die jungen Leute wollen Graffiti an einer der Treffpunkt-Wände. Das hat KIJ verboten, weil man das Gebäude nachnutzen will, wenn irgendwann in zwei oder drei Jahren der Jugendclub in einen Neubau zieht – als könnte man so einen blöde Wand nicht wieder streichen. Ich erkläre ihnen, dass sie einfach einen Einwohnerantrag an den Stadtrat stellen können. Das Ergebnis ist faszinierend: Eine junge Frau, bisher die wandelnde Provokation, ist begeistert. 300 Unterschriften? Kein Problem. Vorm Stadtrat sprechen? Aber ja doch.
Und weil ich gerade so schön dabei bin, empfehle ich ihnen noch, im Rahmen der ziemlich teuren „72 hour urban action“ von Jenakultur Wand und Farbe für eine Sprayer-Aktion zu verlangen. Wenn bei diesem abgehobenen Projekt am Ende Spaß für junge Leute herauskommt, die sonst nicht gerade vom Glück begünstigt sind, wäre ich mit mir ziemlich zufrieden.

Das Artikelbild gehört zum Bildprotokoll der Veranstaltung und wurde von einem netten Erfurter Grafiker gezeichnet. Leider findet man nirgends im Web seinen Namen.

0 Kommentare zu “Wahlkampf 13.03.2018: Mobile Senioren und Graffitimaulwürfe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.