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Werkausschuss KSJ 27.06.2018: Zu viel, zu wenig, zu falsch

In der Zeitung konnte man bereits lesen, dass in Jena gar nicht zu viel beleuchtet würde, sondern im Durchschnitt alles stimme und man mit den LED eine halbe Million Euro gespart habe. Also alles super? Der Werkausschuss KSJ lädt immerhin Antragsteller ein, wenn ihre Vorlagen behandelt werden – oder Ergebnisse zeitigen. Man hat sogar Rederecht. Geht doch, wenn man will.
KSJ hat den Auftrag, Ordnung in die Leuchten der Stadt zu bringen, ernst genommen und eine Truppe Lichtspezialisten von der TU Berlin angeheuert. Die haben das richtig gründlich gemacht und untersucht, wie man in der Stadt so den öffentlichen Raum beleuchtet – mit Messungen an 23 Stellen. (Sie nutzen dazu die gleiche Kamera und Software wie ich, wie ich erfreut feststelle.)

Das Gewirr an Leuchtentypen findet Prof. Völker, der Hauptreferent der Gruppe, nicht außergewöhnlich. Innerhalb von 30 Jahren muss man in einer Stadt sämtliche Leuchten austauschen, was automatisch für Vielfalt sorgt, weil es keinen Typ über eine so lange Zeit gibt. Ganze 10 % der Leuchten haben eine lichtleitende Optik, wie man sie für LED eigentlich verwenden sollte. Aber man hat bereits 75 % der Leuchtmittel ausgetauscht. Mit anderen Worten: Bei zwei Drittel passen Leuchtmittel und Leuchte nicht zusammen. Herr Wabersky sagt dazu: „Es ist schlicht und ergreifend nicht möglich, einfach eine Lichtquelle rauszunehmen und eine andere einzusetzen – auch wenn das mancher behauptet. Das kann nicht funktionieren, das funktioniert nirgendwo.“
Dass man sich zehn Jahre nicht um die Lampen kümmern müsste, stellt Völker auch gleich in Frage. Die Lampen müssten gereinigt und die Elektronik gewartet werden.
Bei Tempo 30 müsste man, sagen die Spezialisten, eigentlich gar nicht beleuchten. Die Bremswege lägen bei 6 bis 8 m, sodass es praktisch keine Unfälle gäbe. Dann beleuchtet man eigentlich nur noch für die Fußgänger (nichts gegen Fußgänger, aber nach Erfahrungen anderer Städte sind davon zwischen 1 und 3 Uhr Morgens kaum welche unterwegs). Wichtig wäre weniger die absolute Helligkeit, sondern die Gleichmäßigkeit der Beleuchtung – und die Abwesenheit von Blendquellen. Einbahnstraßen beispielsweise schließen die Blendung durch entgegenkommenden Verkehr aus. Aber kritisch sind auch Werbetafeln, Firmenschilder und angeleuchtete helle Fassaden. Lichtmasten sollten mindestens 4 m hoch sein, besser noch höher. Ansonsten muss man mit relativ flachen Winkeln beleuchten, und die führen zu Blendung.
Einige Kreuzungen, etwa der gesamte Bereich rings um den Paradiesbahnhof, sind zu dunkel und zu ungleichmäßig beleuchtet. Man wird geblendet, und gleichzeitig erkennt man Fußgänger oder unbeleuchtete Radfahrer kaum. Dazu kommt die Straßenbahn, die für Radfahrer schlecht erkennbaren Schienen … Kurz: Der Bereich ist lichttechnisch eine Katastrophe. Ob dagegen die Prüssingstraße nachts tatsächlich zu dunkel ist, ist fraglich. Man könnte einfach zwischen 22 und 5 Uhr die Geschwindigkeit auf 30 km/h begrenzen, und alles wäre in Butter.
Im Park – die Truppe hat auch im Paradies gemessen – gäbe es bezüglich der Beleuchtung keine Verkehrssicherungspflicht. Da könnte man sich auch entscheiden, Naturbeobachtung machen zu wollen und nur orientierungslicht am Boden zu installieren. Die faszinierende Erkenntnis: Auf dem Foto ist ein Mensch unmittelbar unter einer der in alle Richtungen leuchtenden Pilzleuchten kaum erkennbar, weil durch die Lampe völlig überstrahlt. Kommentar: „Was Sie hier alles beleuchten, das ist großartig. Die Kaninchen und alles werden sich freuen – aber das ist völlig unnötig.“ Mein Reden.
Ich frage, ob man nicht die Helligkeit nach Verkehrsfrequenzen regeln könnte, also in verkehrsarmen Zeiten herunterdimmen. Ich erfahre, dass ein Fachausschuss darüber diskutiert, wie man in Zeiten, in denen nichts los ist, beleuchten sollte. Auf Bundesebene. Anscheinend ist man zu dem Schluss gekommen, dass taghelle Straßen nachts um 2 nicht wirklich sinnvoll sind.
Guntram Wothly (CDU) hat das übliche CDU-Sicherheitsproblem. Er fragt, ob man bei Orientierungslicht im Park auch noch Personen sähe. Die lapidare Antwort: „Die sieht man jetzt auch nicht.“ Für Gesichtserkennung braucht man relativ hohe vertikale Beleuchtungsstärken, also sehr viele Lichtpunkte in kurzen Abständen.

Herr Schultze hat sich mit Fragen der Gestaltung beschäftigt. Er würde gern „in der Innenstadt Atmosphären schaffen“. Er zeigt recht anschaulich, dass die Stadt nachts größtenteils ungemütlich wirkt und die Beleuchtung absurderweise vor allem Schatten zu erzeugen scheint. Das Anleuchten von Fassaden schaffe ein Raumerlebnis, meint er. Damit könnte ich leben, wenn man das Erlebnis gegen Mitternacht ausschalten würde.
Lobeda, meint er, sei vorrangig verkehrsorientiert beleuchtet, es gäbe keine Wohlfühlräume. Es fehlten Orte, wo man sich abends gern aufhalte. Ob man das allerdings mit Beleuchtung allein hingekommt, ist fraglich. Die Kneipenszene von Lobeda West ist auch eher unterentwickelt. Dafür gab andererseits keine Beschwerden wegen Lampen, die in Schlafzimmer leuchten, weil es nur technische Leuchten gibt, die genau dahin leuchten, wo das Licht gebraucht wird.
Man müsste diskutieren, welche Wege in der Saaleaue für den Radverkehr ausgebaut werden sollten. Alle anderen dürften durchaus dunkler werden.
Der Holzmarkt liegt Herrn Schultze besonders am Herzen. Der sei defizitär beleuchtet. Auf seinen Fotos sieht es auch wirklich aus wie tote Hose. Man würde da liebend gern ein Vorzeigeprojekt zur Beleuchtung der Zukunft installieren.
Herr Wabersky hat mit jenakultur über das Tourismuskonzept gesprochen. Er sagt, er habe das Gefühl gehabt, es mit zwei verschiedenen Städten zu tun zu haben. Die Tourismusstrategie mache das Gegenteil von dem, was die Initiative zum Schutz der Nacht wolle. Da liege der Fokus klar auf dem Umweltschutz, während Jenakultur über nachts beleuchtete Gondeln auf der Saale phantasiere. (Ich erinnere mich gut an die Schnapsidee, in der Saale eine Fontäne und eine Kurbelfähre zu installieren – was man nach einem Aufschrei der Umweltschützer aufgegeben hat. Da wollte man zwecks „Erlebbarkeit der Saale“ auch jede Menge Bäume fällen, wogegen sich sofort Widerstand formierte. Die Saale-Schifffahrt ist ohnehin nicht sonderlich attraktiv, weil alle paar Meter ein Wehr kommt.)

Prof. Völker referiert über den Umweltschutz. Er meint, an der Farbe allein könnte man die Umweltschädlichkeit allein nicht festmachen, weil verschiedene Insektenarten auf verschieden Lichtfarben abfahren bzw. -fliegen. Man müsste seine Umgebung genau kennen, um die Beleuchtung passend zu machen. Die Insektenpopulation verändere sich über die Nacht. Das Wichtigste sei, nicht mehr als nötig zu beleuchten und nur dort, wo man es braucht. Also doch abschalten? Bei Fischen stelle Licht eine natürliche Barriere dar, wenn man z. B. Brücken anstrahlt. Wenn man in der Laichzeit das Licht an Brücken ausschalte, könne man viel tun. Und die Menschen? „Schlafforscher sagen ganz klar, wir haben zu viel Licht in den Schlafzimmern.“ Ganz meine Meinung, und deshalb sollte man wenigstens in der Tiefe der Nacht den Strom runterdrehen. Genau wüsste man allerdings nicht, was die Farbe ausmache, weil man die Versuche mit deutlich höheren Intensitäten gemacht hat, als sie in der Straßenbeleuchtung vorkommen. Bisher habe es für die Bestimmung der Schwellwerte kein Geld gegeben.
Idealerweise sollte eine Leuchte auf der Straße das Tageslichtsehen bedienen, damit man daneben noch das Nachtsehen habe. Da wären wir dann wieder bei gelber Beleuchtung …
Ich frage noch, was man bei nassen Straßen anders machen sollte. Die meisten Beleuchtungen sind für trockene, diffus streuende Straßen gemacht. Bei Regen wird daraus allerdings ein Spiegel, und flach einfallendes Licht wird direkt reflektiert – im ungünstigsten Fall ins Auge des Betrachters. Das Design für trockene Straße sei ein „Batwing“ – relativ viel Licht unter hohen Winkeln. Am besten wäre es, bei Regen umzuschalten auf eine schmale Lichtverteilung. Das könnte man machen, indem man LED-Arrays mit unterschiedlichen Vorsatzoptiken ausrüstet. Dann könnte man bei Regen die mit der breiten Verteilung abschalten. Völker nennt das „multivariable Lichtverteilung“.
Laternen seien überhaupt die beste Stelle für Sensoren, mit denen man in der Stadt alles Mögliche machen könnte – bis hin zum autonomen Fahren. Man könnte das Licht auch mit anderen Dingen vernetzen.

Guntram Wothly (CDU), der inzwischen offenbar der Ausschussvorsitzende ist, meint, die Lichtanalyse müsste unbedingt auch im SEA besprochen werden. Ich kann mir nicht verkneifen, darauf hinzuweisen, dass ich im Stadtrat genau das beantragt hatte, aber am Widerstand der damals noch existierenden Koalition gescheitert war, die meinte, der SEA sei ohnehin überlastet. Jetzt versichert mir der neue Fraktionsvorsitzende, er würde das seiner Fraktion empfehlen. Da bin ich mal gespannt.

Insgesamt sind wir recht zufrieden. Man hat sich ernsthaft mit der Beleuchtung beschäftigt und etliche unserer Ansätze aufs Schönste bestätigt. Wer als Nichtschwimmer im Fluss mit durchschnittlich 1,50 m Wasserstand ertrinke, sagt Völker, der habe das Wesen des Mittelwertes nicht verstanden. Und da sind wir wieder bei der Zeitung: Im Durchschnitt ist das Licht in Jena schon in Ordnung, im Detail aber zu dunkel (auf großen Kreuzungen), zu hell (an Hauswänden und auf den Wiesen im Paradies) oder einfach zu falsch. Wenn man es als Lichtstadt wirklich gut machen will, dann hat man noch eine Weile zu tun.
Bleibt die Frage, wie es uns gelingt, wenigstens einen Teil der halben Million Stromkosten, die man durch die LED-Umrüstung gespart hat, für die Verbesserung der Beleuchtung festzuhalten. Das wird spannend.
Dann ist es auch schon halb 11, und ich mache mich quer durch das nächtlich beleuchtete Jena auf nach Hause.

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