Allgemein Topthema

Zerschneidet unseren Campus nicht!

Uni-Informatiker kämpfen für Verkehrsberuhigung am Inselplatz

Professor Clemens Beckstein (Piraten) gelang in der letzten Stadtratssitzung das Kunststück, gleichzeitig der entschiedenste Befürworter und der schärfste Kritiker des Bebauungsplanes für den Inselplatz zu sein. So sehr sich der Informatiker Beckstein den neuen Universitäts-Campus wünscht, so deutlich kritisiert er die Verkehrsplanung.
Neben der Zufahrt zum geplanten Parkhaus ruft die Gestaltung des Löbdergrabens Widerspruch hervor. Die Universität möchte mit ihrem neuen Areal an die Innenstadt heranrücken. In den 2016 von Stadt und Freistaat verfassten Wettbewerbsunterlagen für das Projekt sprach man von „Verzahnung“. Der heutige Löbdergraben mit der abgesperrten Straßenbahnhaltestelle wirke als Barriere. „Die Verbindung der beiden Bereiche wird mit verkehrlichen Maßnahmen einhergehen, die auf eine Reduktion der Verkehrsströme
am Löbdergraben abzielen (Verlagerung des Verkehrs auf Ortsumfahrung Am Anger/Eisenbahndamm)“, hieß es im Text. Ganz selbstverständlich hatte man eine umfassende Verkehrsberuhigung erwartet. Auch für den Radverkehr wäre das eine Chance für eine ungestörte, durchgängige Nord-Süd-Verbindung.
Das scheint an der Zufahrt für das Parkhaus gegenüber dem Bahndamm zu scheitern. Da soll es, um Rückstau auf der künftigen Osttangente zu vermeiden, eine Einfahrt nur von Norden und eine Ausfahrt nur nach Süden geben. Die Folge: Jeder, der da parkt, muss einmal um den gesamten Block und eben auch über den Löbdergraben.
Bis zu 4000 Fahrzeuge am Tag könnten über die geplante Mischverkehrsfläche fahren, erklärte Michael Margull, Leiter des Fachdienstes für Stadtumbau und Infrastruktur, im Stadtentwicklungsausschuss. Heute seien es 9000. Die ebenfalls im Plan enthaltene Wendeanlage für Straßenbahnen wäre für den Radverkehr jedoch eine neue Gefahrenstelle.
Bei Becksteins Kollegen an der Fakultät für Mathematik und Informatik schrillten die Alarmglocken. Gemeinsam mit der Psychologie, dem Uni-Rechenzentrum, und der Biblliothek werden sie auf dem Inselplatz künftig mehr als 500 Mitarbeiter und eine deutlich vierstellige Zahl an Studierenden auf den neuen Campus bringen, von denen viele vermutlich mehrmals am Tag den Löbdergraben überqueren werden.
Deshalb forderte Beckstein in der Ratssitzung von Stadtentwicklungsdezernent Denis Peisker eine klare Aussage zur Verkehrsberuhigung. Inwieweit verkehrsberuhigt autofrei sei, müsste diskutiert werden, lautete Peiskers vage Antwort. „Eher kann man einen Pudding an die Wand nageln“, kommentierte Beckstein frustriert.
Deswegen versuchen jetzt Mitarbeiter der Fakultät für Mathematik und Informatik, mit Hilfe eines Einwohnerantrages Klarheit zu schaffen, den der Dekan der Fakultät, Prof. David J. Green gegenüber dem Stadtrat vertreten wird. „Aus dem offenen Universitäts-Campus am Inselplatz darf fehlerhafte Verkehrsplanung keinen studierfeindlichen Verkehrsinselplatz machen“, meint er. Die Forderungen, für die die Wissenschaftler auf die Unterstützung der Bürgerschaft setzen: Ausbau der Osttangente, um den Verkehr komplett an den Bahndamm zu verlagern, Verkehrsberuhigung zwischen Steinweg und Lutherplatz und ein Radweg mit getrennten Richtungsfahrbahnen auf dem Löbdergraben.

Unterstützer für diesen Antrag an den Stadtrat sind willkommen. Den Unterschriftenbogen gibt es hier: einwohnerantrag_loebdergraben_V4. Wichtig: Beide Seiten müssen auf ein Blatt gedruckt werden.

9 Kommentare zu “Zerschneidet unseren Campus nicht!

  1. Holger Herrmann

    Wenn die Uni ausreichend Tiefgaragenplätze schaffen würde und dies ebenso auf dem Eichplatz passieren würde, wäre das Problem ein viel geringeres.

    • Erstens ist das Land Bauherr und nicht gewillt, diese Parkplätze zu bauen, und zweitens sorgen Parkplätze unter dem Campus doch nicht für weniger Verkehr zwischen Unihauptgebäude und Inselplatz.

      • Stimmt, die Uni steckt da zwischen Bauministerium und Wissenschaftsministerium und hat selbst arge Mühe, ihre Interessen durchzusetzen.
        Das Problem mit dem Verkehr liegt aber vor allem in der Verkehrsführung an der Osttangente (Am Bahndamm), wo man auf eine Unterführung ins Parkhaus verzichten möchte, weil die nicht zum Nulltarif zu haben ist. Die Argumentation lautet mehr oder weniger: Wir bauen da so wenige Parkplätze, dass dort unmöglich mehr Verkehr als heute entstehen kann, und dann müssen wir uns auch keine Gedanken machen. Aber dann wird es mit der Verkehrsberuhigung eben auch nichts. Und mit vernünftigen Radwegen.

        • Holger Herrmann

          Wenn ausreichend Tiefgaragenplätze bereitgestellt werden, braucht dort niemand ein Parkhaus!

          • Tiefgaragenplätze – die definitiv nicht ausreichend bereitgestellt werden – brauchen auch eine Zufahrt. Für den Parksuchverkehr ist es völlig egal, ob die Autos über oder unter der Erde abgestellt werden. Um den Eigenbedarf der Uni, den Ersatz der jetzigen Kurzparkplätze auf dem Inselplatz und den Eigenbedarf der beiden Wedel-Bauten abzudecken, brauchte man vermutlich eine dreigeschossige Tiefgarage. Das geht im Schwemmland der Saale definitiv nicht ohne astronomische Kosten. Deshalb hat der Stadtrat schon vor 5 Jahren das Parkhaus beschlossen.
            Der Unterschied zwischen Löbder- und Leutragraben besteht übrigens auch darin, dass sich die Radfahrer eine sinnvolle Durchwegung durch das Zentrum wünschen, auf der man nicht von Autos bedrängt und nicht von flanierenden Fußgängern gebremst wird. Die gibt es bisher nicht. Falls jetzt die Frage kommt, warum man überhaupt was für Radfahrer tun sollte – weil ohne sie der Stau noch länger wäre und die Parkplätze noch rarer. Und die Luft dreckiger.

      • Holger Herrmann

        Zwischen dem Inselplatz Campus und dem Unihauptgebäude entsteht nur zusätzlicher Fußgängerverkehr.

  2. Holger Herrmann

    Die „Osttangente“ ist ein Witz. Da wird ein kleines Stückchen Straße 4 spurig, um sich dann gleich wieder zu verengen.
    Am Leutragraben schaffen es die Studenten auch zu ihren Campus und zur Wagnergasse zu kommen. Gleichzeitig pilgern auch noch viele Jenaer vom Eichplatz und vom Zentrum in die Goethe-Galerie. Sie schaffen das bisher problemlos. Wenn der Eichplatz bebaut wird müssen sie dann auch noch den ganzen Zugangsverkehr verkraften.
    Am Löbdergraben soll die nun nicht möglich sein.
    Worin besteht der Unterschied für einen Studenten oder Universitätsangehörigen bei der Überquerung des Löbdergraben im Vergleich zum Leutragraben?

  3. Holger Herrmann

    Das Parkhaus auf dem Inselplatz wurde immer als Ersatz für den Eichplatz angeführt. Warum soll das jetzt nicht mehr so sein?

    • Kurz gesagt: weil auf einem Parkplatz nicht zwei Autos stehen können. Keines der Bauprojekte am Inselplatz wird seinen Eigenbedarf decken, auch wenn sich die Stadtverwaltung hartnäckig weigert, über die Zahl der Stellplatzablösen öffentlich zu sprechen. Würde man die Stellplatzverpflichtung nicht ablösen, dann müssten die Bauwilligen selbst Parkmöglichkeiten herstellen. Das kann auch in einiger Entfernung vom Bau passieren. Bei Berufspendlern hält die entsprechende Verordnung 1000 m Fußweg für zumutbar. Andernfalls müsste der Bau bescheidener ausfallen. Stattdessen ist der Steinweg-Tower im Laufe der fünf Jahre Planung von 7 auf 19 Stockwerke gewachsen. Ich glaube nicht, dass man entsprechend 10 Geschosse Tiefgarage nach unten bauen wird. Also wenn ich im Kaffeesatz lese, dann werden ungefähr null der knapp 300 Eichplatz-Stellplätze am Inselplatz ersetzt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.