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24.09.2019: Kultur für Insider

Jena möchte sich ein neues Kulturkonzept geben (bzw. das alte „fortschreiben“), und dazu gab es eine öffentliche Veranstaltung unter dem Titel „Kultur hochspannend“. Damit wollte man nach Aussage des Moderators „das Bürgerpotenzial aktivieren“. Es waren etwa zwei Dutzend Leute da, entweder Vertreter von Stadt und Stadtrat oder Leute aus dem Kulturbetrieb. Bis auf ein mitgebrachtes Kleinkind war wahrscheinlich kein einziger Nicht-Kulturmensch dabei.
Im Wesentlichen stellte man den Prozess vor. Unter anderem möchte man 10.000 Haushalte mit einem Fragebogen zum Thema Kultur beglücken, und ähnlich wie beim Bürgerhaushalt alter Art wird es parallel einen Online-Fragebogen geben. Dafür hat man eigens eine Redaktionsgruppe mit „Mitgliederinnen und Mitgliedern“ (kein Witz) aus Politik, Verwaltung und üblichen Verdächtigen, die man schon vom Stadtentwicklungskonzept kennt, gebildet. Aber man kann sich auch unter www.kulturkonzept-jena.de informell beteiligen. Künftig, denn im Moment befindet sich da eine Website-Baustelle.
Was die Rolle des Publikums sein sollte, wusste niemand so recht. Ich versuchte mich als Anwalt der Bürgerbeteiligung. Da die Runde im „Trafo“ neben dem Straßenbahndepot sehr übersichtlich war und sich nicht einmal Leute aus dem Damenviertel hin verirrt hatten, fragte ich, wie man denn die Bürger in Lobeda, Winzerla oder den verstreuten Dörfern in den Prozess einbeziehen möchte. Antwort: Dafür gibt es die Online-Befragung. Mein Vorschlag, Kinder und Jugendliche vielleicht in den Schulen anzusprechen und einen stark abgerüsteten Fragebogen dafür zu verwenden (Was nutzt du regelmäßig? Was wünschst du dir? Was ist verbesserungsfähig? …) stieß auf wenig Gegenliebe und das erwartbare Argument, dann müsste man ja für jede Gruppe spezielle Bögen machen, wenn man einmal damit anfinge.
Ich frage mich, warum keiner den deutlichen Unterschied zwischen Kindern und anderen „Gruppen“ verstehen will: Sie haben kein Wahlrecht, sie haben nicht die gleichen Chancen, ihre Interessen zu vertreten – und sie haben tatsächlich ganz andere Interessen als Erwachsene. Ich bezweifle, dass ausgerechnet der 10jährige Sohn den Fragebogen bekommt, den man dem „Haushalt“ schicken möchte.
Ein kulturerzeugender Bürger beschwerte sich, dass im Kulturausschuss des Stadtrates Leute sitzen, die seiner Meinung nach zu wenig Ahnung von Kultur hätten und zu wenige Veranstaltungen besuchen (was vermutlich daran liegt, dass sich Stadtrat und exzessiver Kulturkonsum zeitlich nicht vertragen). Außerdem wollte er einen „verengten Kulturbegriff“, einen Bezug auf die Lichtstadt Jena und eine Definition von „Soziokultur“ – worauf man ein wenig darüber stritt, was das nun sein könnte oder auch nicht.
Da es keine wirkliche Aufgabe gab, verlief die Debatte schnell im Sande.
Man kann hoffen, dass der Fragebogen von möglichst vielen Bürgern beantwortet wird. Und bitte – nicht das Papier wegwerfen und aus Faulheit online antworten. Die Papierversion wird repräsentativ verteilt, während der Online-Abstimmung immer der Vorwurf anhängt, nichtrepräsentativ und interessengeleitet zu sein. Als ob Interessen etwas Negatives wären.
Bleiben noch diverse Fragen: Warum hat man nicht erst einmal ausgewertet, wie erfolgreich die letzte Konzeption war? Warum ignoriert man den Bürgerhaushalt 2011 zum Thema? Gut, das ist eine Weile her, aber als Ausgangspunkt wäre er doch eine gute Basis. Und warum eigentlich wird bei einer Bürgerbefragung der Beirat für Bürgerbeteiligung nicht einbezogen?

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