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Geschenke an Fußballfans – 400 Euro pro Jahr

Der Komplettumbau des Ernst-Abbe-Sportfeldes – 2011 als Wahlkampfgeschenk von Matthias Machnik (SPD) propagiert – ist beschlossene Sache. Von einer „Finanzierung“ hat sich das Land allerdings längst verabschiedet. Die Fördersumme von 11 Millionen Euro reichen gerade einmal für etwa 20 % der Kosten, denn das Projekt ist in den letzten acht Jahren systematisch teuerer geworden, noch ehe irgendein Bagger die Schaufel in die Erde gesteckt hat.
4 Millionen Euro wird Jena direkt investieren – laut Bürgermeister Christian Gerlitz (auch SPD) vor allem in die Infrastruktur, die ohnehin hätte gemacht werden müssen. Oder auch nicht, denn die Zufahrten zum Stadion mit ihrem eher geringen Verkehrsaufkommen hätten vermutlich noch Jahre durchgehalten. Sie werden größtenteils von Radfahrern und Fußgängern genutzt. Zumindest der Radverkehr war von den Umbauten nicht sonderlich begeistert. Die Zufahrten werden kräftig ausgebaut, um LKW-Begegnungsverkehr zu ermöglichen. Man kann ahnen, dass auch Autos künftig schneller unterwegs sein werden. Der vergleichsweise lächerliche Betrag für ein neues Leichtathletik-Stadion wäre ohne das Projekt „reines“ Fußballstadion auch nicht nötig. Die Leichtathleten waren im EAS hochzufrieden.
Dass ein Investor den Großteil der Kosten trage, wie in den Medien überall berichtet wurde, ist so richtig, wie es falsch ist. Der „Investor“ gibt der Stadt im Grunde nur einen Kredit, und die Stadt sorgt dafür, dass er auf jeden Fall keinen Verlust macht. Besser kann man Geld kaum anlegen – zumal man einen Investzuschuss von 15 Millionen Euro Steuergeld bekommt. Sollte der FCC in die vierte Liga absteigen, woran er derzeit engagiert arbeitet, wird der städtische Zuschuss für den Stadionbetrieb von jetzt einer auf 2,3 Mio. € jährlich steigen. Nur in der 2. Liga würde die Stadt weniger zahlen als derzeit. Während bei kleinen Vereinen um zweistellige Zuschussbeträge gefeilscht wird, ist die reichliche Verdoppelung für einen Profiverein kein Problem. Im Grunde ist das Ganze nichts anderes als ein weiteres ÖPP-Projekt.
Bei ungefähr 50 Millionen Baukosten, einer Rückzahlung über 25 Jahre und im Mittel etwa 5.000 Zuschauern pro Spiel ergibt sich pro Fußballfan und Jahr ein städtischer Zuschuss von stolzen 400 €, während nach einer Studie im Auftrag der Stadt jede Menge Sportstätten für den Breitensport fehlen. Wir könnten problemlos drei Turnhallen zusätzlich auslasten – wenn wir sie denn hätten.
Zuletzt haben die Grünen ihre Vorliebe für die Sanierung im Bestand entdeckt – nachdem sie sechs Jahre lang immer wieder für das Stadion stimmten, solange ihr Parteifreund Denis Peisker der zuständige Dezernent war. Piraten-Anträge, statt des Umbaus eine Sanierung vorzunehmen, lehnten auch sie immer wieder ab. Zahllose Planungsstufen und Studien später fällt ihnen ein, dass die Sache verdammt teuer wird. Dagegen zu stimmen, wenn man damit garantiert nichts mehr verändern oder verhindern kann, ist billig.
Gegenüber Erfurt, wo der Stadionneubau nicht wie erhofft in die zweite Liga, sondern in die Insolvenz des Vereins führte, hat Jena immerhin einen Vorteil: Der städtische Zuschuss zum Stadionbetrieb ist gedeckelt. Was passiert, wenn der FCC finanziell ins Schlingern gerät, wird man sehen. Aus dem Referenzprojekt Sint-Truiden (Belgien), das man in Jena immer wieder zitierte, hat sich Investor Duchâtelet inzwischen zurückgezogen. Was bleibt, ist ein riesiges Gebäude, das Hotel und Einkaufszentrum vereint – mit Stadion als Beiprogramm.

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