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Eichplatz 03.09.2020: Wir wissen was, was ihr nicht wisst

Fünf Jahre lang saß eine Gruppe Bürger immer wieder zusammen, um über den Eichplatz zu diskutieren und Vorgaben für die Ausschreibung festzunageln. Was niemandem wirklich klar war: Die letzte Chance, Einfluss zu nehmen, hatte die Gruppe am Tag vor der Sitzung der Architektur-Jury vor einem Jahr. Sie gab ihren beiden Vertretern (also auch mir) ein Votum mit, und das war eine Art kleinster gemeinsamer Nenner.
In der Architektur-Jury haben wir den Hang zur Zurückhaltung tapfer unterdrückt, weil uns bewusst geworden war, dass bei einem mit 7 von 10 Punkten bewerteten Entwurf die Architektur nicht mehr wie babsichtigt mit 30 % in die Gesamtwertung eingehen würde, sondern nur noch mit 21 %. Der Preis hätte entsprechend mehr Gewicht bekommen – was eigentlich alle verhindern wollten.
Einer der vielen Haken der Ausschreibungskriterien, die man uns so genau nicht erklärt hat. Es gab andere. „Wohnen für alle“ hatte für uns immer etwas mit Sozialwohnungen zu tun – auch an diesem Ort in der Innenstadt. Die Verwaltung sieht das deutlich anders und freut sich, wenn es Wohnungen für Singles, Familien und Rentner gibt. „Nutzen für die Stadtgesellschaft“ war in der Runde immer diskutiert worden als „irgendein kulturelles oder soziales Angebot“, aber in der Wertung reicht der eher triviale Mix aus Büros, Wohnen und Handel, und den gab es in jedem Entwurf seit Anbeginn der Zeiten mit Ausnahme des DDR-Kulturpalast-Entwurfes aus den 50ern. Die guten Absichten haben sich in marktkonforme Kriterien verwandelt.
Die beteiligten Bürger erfahren als Erste, was bei der finalen Berechnung herausgekommen ist. Die Runde im Volksbad ist extrem groß – geometrisch. Alle halten Abstand, alle tragen Masken, und damit man überhaupt etwas versteht, läuft alles über Mikrofon. Das ist bizarr, denn wir sind gewohnt, die Köpfe zusammen zu stecken. Zahlenmäßig ist sie eher sparsam besetzt.
Wir sind froh, dass wir in der Architektur-Jury den Einfluss der Architektur gerettet haben. Die entschlossene Bewertung sorgt dafür, dass der Favorit der Bürger, der auch der der Jury war, der Favorit bleibt.
Der Stadtrat hat die Wahl, dieser Entscheidung zuzustimmen – oder den ganzen Prozess zum dritten Mal zu starten. Das wird nicht passieren. Verhandeln ist nicht mehr, Änderungen sind nicht möglich. Die rechtliche Gestaltung des Ausschreibungsprozesses lässt offene Bürgerbeteiligung nicht zu. Das ist keine Frage des guten Willens, sondern eine der Gesetze, die man im Bundestag macht. Man darf sich aus dem sehr übersichtlichen Angebot eine Variante aussuchen. In früheren Jahrhunderten gab es noch Bürgerschaften, die selbstbewusst Forderungen aufstellten und den Baumeistern klar machten, was sie haben wollten – weil sie es durften. Das sind heute die Gebäude, die bei Stadtführungen besichtigt werden. Heute ist man froh, wenn man Schlimmeres verhindert hat. Ein gutes Dutzend der ehedem zufällig ausgelosten 500 Bürger hat bis zum Ende durchgehalten und genau das erreicht. Sie sind Helden, denn sie haben verhindert, dass in Jena genau das Einerlei gebaut wird, das landauf landab überall entsteht.

Am 19.09. wird man das Ergebnis öffentlich vorstellen – ab 15:00 Uhr im Volkshaus. Wegen COVID10 ist die Teilnehmerzahl auf 100 beschränkt. Wer keinen Einlass findet, kann sich den Livestream ansehen. Bereits am 17.09. ab 12:15 Uhr – da gibt der OB seine Pressekonferenz – wird der Siegerentwurf öffentlich zugänglich gemacht.

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