blog Kommunalpolitik

Eichplatz 09.02.2021: Stadtzentrum für Sattelschlepper

Nach nicht ganz drei Jahren hat man es geschafft, die Bürgerwerkstatt noch einmal zum Thema Freianlagen einzuladen. Pandemiebedingt fand die Beratung als Videokonferenz statt. Warum sie trotzdem auf genau zwei Stunden begrenzt wurde, ist nicht nachvollziehbar. Die Bürger jedenfalls saßen alle in ihrer Freizeit vor dem Computer, und der virtuelle Raum muss nicht gelüftet werden.
Auch sonst fühlte ich mich unangenehm an frühere Zeiten erinnert. Es wurde nicht ergebnisoffen beraten, es wurde nicht abgestimmt – die Bürger bekamen erklärt, was gut für sie ist. Eine Bereitschaft, Kritik aufzunehmen und einzuarbeiten, war nicht zu erkennen, wenn es um mehr als ein paar Steckdosen und einen Wasseranschluss ging. Der Entwurf von 2021 sieht dem von 2012 ähnlicher, als der Entscheid der Bürger für das Konzept „Urbaner Dschungel“ erwarten ließ.
Herr Pflüger vom Büro Bruun & Möller plauderte erstaunlich freimütig daher. Dass von 24 Bäumen im Bereich des künftigen Stadtgartens nur 4 erhalten bleiben sollen, begründete er mit der Barrierefreiheit. Dafür müsste man das ganze Areal um ein bis zwei Meter anheben – als hätte man berollbare Rampen noch nicht erfunden. Dafür müssten die Bestandsbäume „entfallen“, und überhaupt entsprächen sie nicht den „Normen für Stadtcharakter“, seien nicht standortgerecht und schlecht gepflegt. Einerseits erklärte er, da würden natürlich keine Besenstiele gepflanzt – es würde also keine 30 Jahre dauern, bis da wieder richtige Bäume stünden. Andererseits sagte er, mit Neupflanzungen könnte man „etwas Schöneres leisten für die Kinder und nicht für sich selbst“. Also nach 29 Jahren vermutlich. Vielleicht hätte man sich vorher für eine Argumentationslinie entscheiden sollen.
Ganz heikel wurde es bei der Erklärung, man wolle „die großen, schönen Platanen in der Kollegiengasse versuchen zu erhalten – falls der Hochbau das schafft“. Sie stünden „sehr dicht“ am Hochbau. Diese Platanen sind laut Rahmenplan zu erhalten. Punkt. Was weiß der Mann, was wir nicht wissen? Von Anfang an lag in der Bürgerwerkstatt die Forderung auf dem Tisch, so viele Bäume wie möglich zu erhalten. Da war nicht die Rede davon, dass Neupflanzungen doch viel schöner wären. Der Bürgerstandpunkt entspricht übrigens auch der prämierten Klimaanpassungsstrategie der Stadt, die man offenbar vergessen hat.
In Sachen Oberfläche erklärte man uns, wolle man „mit dem gewohnten Grundbild aus der Innenstadt weiterarbeiten“. Das ist genau das, was weder Bürgerwerkstatt noch die Bürger in der öffentlichen Veranstaltung wollten. Auf keinen Fall helle Granitplatten, hieß es da. Der Stadtgarten sollte etwas Besonderes werden.
Die öffentlichen Flächen, also die Plangassen zwischen den Neubauten ebenso wie der Platz hinter dem Rathaus, sind noch immer kahl. Sie haben eine „Platzhalter-Ausstattung“, nämlich auf den Plätzen je einen „Platzhalter-Baum“ und eine Sitzgelegenheit. Das gehe nicht anders, denn es gäbe „große Bereiche, die für notwendigen Verkehr freigehalten werden müssen“. Das sei nicht nur die Feuerwehr (die sich durch alle anderen Gassen der Innenstadt irgendwie durchwurstelt), sondern auch Sattelschlepper für den Anlieferverkehr. Sattelschlepper? Hatten wir nicht diskutiert, dass die Anlieferung von außen und durch die Tiefgarage erfolgen soll? Aber – Halleluja! – von Radfahrern werden die Fußgänger dort künftig nicht belästigt. Die dürfen nicht in die neuen Gassen. Nur die Sattelschlepper am Morgen. Wie das aussieht, kann man täglich in der Löbderstraße sehen.
Für die Radfahrer wird es in Radhausgasse und Weigelstraße künftig enger. Die Bäume (natürlich neu zu pflanzen) werden enger stehen, dazwischen Radständer und Bänke. In der Mitte soll es einen „abgesetzten Bewegungsbereich“ geben, also eine minimale Absenkung um zwei bis drei Zentimeter. Vorgeblich würden die Fußgänger daran bemerken, dass dort Verkehrsbereich ist. Wie gut das funktioniert, kann man am Nonnenplan sehen, wo selbst reguläre Bordsteinkanten die Fußgänger nicht dazu bringen, vor Überqueren der Straße mal nach rechts und links zu blicken. Als wäre das nicht schlimm genug, hat man am Kirchplatz einen „shared space“ kreiert, also einen Raum, wo die Radfahrer endgültig heruntergebremst werden, weil die Fußgänger ihn für einen Teil des Stadtgartens halten (sollen). Aber in der Weigelstraße hätten die Radfahrer dann „freie Fahrt“, also etwa fünfzig Meter. Der Radverkehr müsste „übergeordnet angegangen werden“, hieß es. Aber wo?
Und was war mit den Strabag-Ideen für die Freiraumgestaltung? Die hatten der Bürgerwerkstatt gut gefallen, vor allem der Wasserlauf durch die Plangassen. Im April 2018 hatte man uns versprochen, eine Einbeziehung zu prüfen. Daraus wird nichts, denn zusätzliches Wasser wäre „wartungsintensiv“. Da kann in der Klimaanpassungsstrategie zehnmal stehen, man wollte grüne und blaue Strukturen (Grünflächen und Wasser) erhalten und ausbauen. Und außerdem muss Platz für die Sattelschlepper bleiben.
Fazit: Der urbane Dschungel wird wie überall sonst in der Stadt durchgepflastert, die meisten Bäume gefällt, weil sie nicht der DIN Stadtbaum entsprechen, der Radverkehr bestmöglich behindert und die Plangassen als Lieferzufahrten ausgebaut. Nach der kehrmaschinengerechten Stadt kommt nun das sattelschleppergerechte Stadtzentrum. Damit war die Videokonferenz leider schon um und keine Zeit mehr für eine ernsthafte inhaltliche Debatte.

0 Kommentare zu “Eichplatz 09.02.2021: Stadtzentrum für Sattelschlepper

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.